Beendete Projekte

Folgende Projekte wurden am DHI in früheren Jahren bearbeitet.



Maciej Górny: Raum, Volk und Staat. Geographische Konzepte der Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas 1914–1939

Teilprojekt im Forschungsbereich 1 „Regionalität und Regionsbildung“

(bis Ende 2017)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich in der Erdkunde eine neue Richtung, die mithilfe einer interdisziplinären Methodik, die auf Geographie, Ethnographie, Wirtschaftswissenschaft, Ethnopsychologie und Biologie basierte, eine Identifizierung und Analyse von Regionen und ihren Grenzen anstrebte. Neu war nicht nur die wissenschaftliche Methode, sondern auch eine weitgehende Nationalisierung des Faches. Unter dem Einfluss der zwei prominenten Wissenschaftler: Paul Vidal de la Blache und Friedrich Ratzel tendierten die Geographen immer mehr dazu, die geographischen Räume mit dem Nationalstaat in Verbindung zu setzen.

Der Erste Weltkrieg öffnete den Weg zur praktischen Umsetzung der neuen Raumkonzepte. Ratzels schwedischer Schüler Rudolf Kjellén interpretierte den Krieg als Kampf ums Überleben zwischen den als lebende Organismen aufgefassten Staaten. Aus dieser Perspektive wäre Deutschland wegen seiner zentralen Lage von allen Seiten angreifbar. Diese ungünstige Position konnte aber auch als ein Vorteil aufgefasst werden: Als die Chance auf eine dynamische Expansion, die man mit Umsiedlungen der undeutschen Zivilbevölkerung verbinden wollte. Ostmittel- und Südosteuropa spielten in dieser Weltanschauung eine besonders wichtige Rolle. Im Laufe des Krieges verzichteten die deutschen Geographen allerdings darauf, auf diesem Gebiet einzelne Regionen und Nationalitäten zu unterscheiden. Stattdessen erblickten sie dort die großen, von amorphen Menschenmassen bevölkerten Räume, die in ihren Augen im Grunde genommen eine auf den neuen Herrn wartende Einöde bildeten. Die ausgeprägte Politisierung der Erdkunde war während der Pariser Friedensgespräche 1918–1919 zu beobachten. Die Geographie erschien plötzlich als die Hüterin des Fachwissens, das die Zukunft der Welt mitgestaltet. 

Ähnliche Ansätze wurden in den Nachkriegsarbeiten Karl Haushofers und der ganzen deutschen Geopolitik-Schule weiterentwickelt. Die Bedingung der geographischen Kohärenz einer Region sei, den deutschen Geographen zufolge, seine ökonomische Selbständigkeit und die Eintracht der Natur- und Kulturlandschaft. Diese Perspektive bedeutet u.a., dass man die Grenzlinien, die entlang der Flüsse und Bergketten verlaufen, als wissenschaftlich unbegründet ansah, weil sie die natürlichen Regionen durchschneiden und den Lebensraum ihrer Bewohner beeinträchtigen würden. Und die irrtümlich gezogenen Grenzen – so Haushofer – seien die Voraussetzung für die künftigen Kriege. Er bevorzugte die Grenzen, die sich auf biologischen Prämissen stützen: auf die Klima- oder Pflanzengeographie. Haushofer wiederholte immer wieder, dass sogar diese ‚natürlichen‘ Grenzen eigentlich keine Linien auf der Karte – oder in der Landschaft – sondern Kampfgebiete der Kulturen und Nationalitäten seien. Die auftretenden Diskrepanzen der Sprache(n) und Kultur(en) auf einem Gebiet verhinderten oft jegliche klare Gliederung des Raumes auf der Karte.

Obwohl die deutschsprachige Geographie bis in die zweite Hälfte des Ersten Weltkriegs die dominierende Stellung im Rahmen dieses Diskurses einnahm, wurde die wissenschaftliche Landschaft durch die rapide Entwicklung der politischen Gruppierungen der kleineren Staaten und Nationen Ostmittel- und Südosteuropas gründlich verändert. Die mit diesen Gruppierungen, bzw. den Agenden der Nationalstaaten zusammenarbeitenden Experten erwiesen sich in den Kriegsjahren zumindest als ebenbürtige Partner der deutschen Kollegen (die – was aus der gruppenbiographischen Sicht als eine besonders interessante Eigenschaft dieser Konkurrenz erscheint – oft ihre ehemaligen Lehrer waren). Dabei waren die Ostmittel- und Südosteuropäischen Autoren besonders erfolgreich in der Wissenschaft und in der wissenschaftlich fundierten Propaganda. Es ist ihnen gelungen, die räumliche Vorstellung der „gerechten Grenzen“ zu beeinflussen. In den wissenschaftspolitischen Schriften der Ostmittel- und Südosteuropäischen Experten spielten geographische Regionen eine wichtige Rolle. Ihre Identifizierung bzw. diskursive Abschaffung diente der nationalen Expansion, der Integration des eigenen Staates und zugleich der Desintegration der Nachbarstaaten. Aus der Spannung zwischen nationaler Perspektive der Wissenschaftler und regionaler Problematik ihrer Forschungen ergibt sich eine interessante transnationale Verflechtungsgeschichte. 

In dem Projekt „Raum, Volk und Staat. Geographische Konzepte der Neugestaltung Ostmittel- und Südosteuropas 1914–1939“ wurden die wissenschaftlichen und politischen Schriften solcher Autoren wie u.a. des Polen Eugeniusz Romer, des Serben Jovan Cvijić, des Ukrainers Stepan Rudnyćkyj, der Deutschen Albrecht Penck, Karl Haushoffer, Max Friederichsen und Joseph Partsch, des Ungarn Pál Teleki, des Rumänen Grigore Antipa oder des Slowenen Anton Melik analysiert. Im Rahmen des Projektes wurde die diskursive Analyse der publizierten Schriften und Archivmaterialien mit einer visuellen Analyse von Karten verbunden.


Ruth Leiserowitz: Studium im Europa des 19. Jahrhunderts. Wechselwirkungen zwischen transnationaler Verflechtung und nationaler Identität

Teilprojekt im Forschungsbereich 3 „Nationale Identität und Transnationale Verflechtung“
(2010–2016)

Warschau, das nach dem Novemberaufstand (1830/31) zum nationalen Zentrum Polens wurde und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer rasch wachsenden Metropole entwickelte, wies höchst unterschiedliche kulturelle Fixpunkte auf. Einerseits waren die Verbindungen nach Paris und Brüssel, zu den Zentren der großen Emigration überaus stark. Andererseits waren Stadt und Region administrativ seit 1831 Russland zugeordnet, nach 1863 als Weichselprovinz in das Zarenreich eingegliedert. Somit unterlagen sie kulturellen Orientierungen aus St. Petersburg. Hinzu kamen Impulse aus Verbindungen, die Warschauer Bürger mit Einwohnern anderer Städte der übrigen polnischen Teilungsgebiete, insbesondere  in Posen, Krakau oder Lemberg unterhielten. Daraus ergab sich bereits eine breite Palette von Möglichkeiten kultureller Kontakte. Welche präferierten die polnischen Bewohner, welche bevorzugten die Juden der Stadt, wie verorteten sich Einwohner dritter Herkunft? Bereits ein erster Blick auf akademische Biografien Warschauer Bürger des 19. Jahrhunderts zeigt, dass die kulturellen Kontakte weit über die französischen, russischen und polnischen Bezüge  hinaus reichten, das Wissen und kulturelle Inhalte auch aus anderen Räumen und über kulturelle Grenzen hinweg einströmten. Die akademische Jugend studierte mangels eigener nationaler Bildungsstätten bzw. deren unzureichender Situation im gesamten europäischen Ausland und brachte von dort vielfältige Erfahrungen und Eindrücke mit. Die Intelligenz der Stadt pflegte das gesamte Jahrhundert hindurch transnationale Kulturformen und knüpfte transterritoriale Netzwerke, über die zahlreiche Ideen und Inhalte transferiert wurden. So konnte Warschau zu einer wichtigen Stadt im europäischen Kulturkontext werden. Diese europäische Verortung und Vernetzung in den Bereichen Kultur und Wissenschaft, die im 19. Jahrhundert entstand und im übrigen auch Fundamente für politische Entwicklungen des 20. Jahrhunderts bildete, ist als Phänomen bisher wenig beachtet und erforscht worden.

Ziel des skizzierten Forschungsprojektes war es daher, europäische Verortungen von Warschauern in kultureller und wissenschaftlicher Hinsicht für das 19. Jahrhundert zu dokumentieren, Kultur- und Wissenschaftstransfer nachzuzeichnen sowie deren Einflüsse auf die diversen Diskurse in der Gesellschaft sowie auf Innovationen aufzuzeigen, wobei Schnittstellen zwischen polnischen und jüdischen Milieus und deren Aspirationen ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen. Dabei wurde von der Grundannahme ausgegangen, dass sich durch die Prozesse von europäischen Verortungen und Vernetzungen sowie durch den Transfer von Kultur und Wissenschaft dichte Verflechtungen im kontinentalen Raum entwickelten, die u. a. auch zahlreiche Wechselwirkungen mit den nationalen Identitäten der Warschauer hervorriefen.

Als Akteursgruppe der kulturell-wissenschaftlichen Landschaft wurden die Warschauer Bürger der Jahrgänge 1770–1870 in den Fokus der Untersuchung gestellt, die im Ausland studierten und deren mitgebrachte Erfahrungen und Kontakte später in das Warschauer Berufsleben einflossen. Im Mittelpunkt stand die Frage des Kultur- und Wissenschaftstransfers, worunter Übertragungen, Übernahmen sowie Bewegungsprozesse zwischen Kontexten, die Transformation einschließen können, ebenso verstanden wurden wie Spiegelungseffekte und Mechanismen der gegenseitigen Beeinflussung. Dabei handelt es sich um multiplexe und dynamische Prozesse, innerhalb derer ständig Mehrfachkodierungen von personaler und kollektiver Identität in Abhängigkeit von Kontext bzw. Referenzrahmen stattfinden. Insgesamt muss davon ausgegangen werden, dass es sich bei diesen Phänomen des Transfers um soziale Prozesse handelt, die zwischen persönlichen Motivationen und strukturellen Bedingungsgefügen angesiedelt waren.

Ausgehend von anderen Untersuchungen zu Transferprozessen des 19. Jahrhunderts wurde die Vermutung aufgestellt, dass diese sich nicht vorrangig in nationalen Polaritäten abspielen, sondern ihnen bei aller Heterogenität von vornherein eine ‚europäische Dimension’ eingeschrieben ist. Als Agenten des Transfers standen die Studenten aus Warschau bzw. diejenigen im Zentrum, die im Ausland studierten und dann im Warschau des 19. Jahrhunderts ihren berufliches Umfeld bzw. ihren Lebensmittelpunkt hatten. Ihre Erfahrungs- und Sozialprofile, ihre Interaktionen und kulturellen bzw. wissenschaftlichen Produkte sind wesentliche Bestimmungsfaktoren im gesamten Prozess des Kulturtransfers. Dabei lassen sich einerseits ebenfalls mehrpolige komplexe Transfervorgänge feststellen, die häufig auch über eine „Mittlerstation“ laufen, andererseits spielen gleichfalls Phänomene eines negativen Kulturtransfers eine Rolle. Angestrebt wurde, ausgehend von der Warschauer Gesellschaft, auf verschiedensten Gebieten Verknüpfungen und Übergangserscheinungen zwischen Kulturbereichen nachzuweisen, die bisher aus diversen Gründen oder aufgrund anderer Perspektiven einander gegenüber gestellt wurden.

Im weiteren Kontext wurde überdies folgenden Fragen nachgegangen: Wie entwickelten sich die weit reichenden transnationalen freundschaftlichen Netzwerke bzw. transnationalen Interaktionen? Kam es zu gemeinsamen wissenschaftlichen Arbeiten bzw. wie entwickelte sich „Wissenschaft“ als regulative Idee für akademisches Arbeiten? Welche interdisziplinären, internationalen, interreligiösen und interjüdischen Schnittstellen entwickelten sich, und welche Auswirkungen hatten neue Kommunikationswege auf die Wahl der Studienorte und die Zunahme der Studentenzahlen (hier besonders unter dem Blickwinkel der neuen Eisenbahnverbindungen)? Welche Nachhaltigkeitseffekte ergaben sich aus der transnationalen Kommunikation zwischen einzelnen Metropolen, einer evtl. „Nationalisierung“ während des Studiums sowie dem Wechselspiel von Internationalisierung und Nationalstaat? Die Untersuchung sollte auch das deutsch-polnische Verhältnis abbilden, Aufschluss über den Stellenwert des Deutschen im lokalen Sprachenpluralismus und als Wissenschaftssprache geben sowie Hinweise auf eventuelle verdichtete Beziehungen zwischen Berlin und Warschau für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts liefern.


Karsten Holste: Stadtpolitiken in der sächsisch-polnischen Union. Eine mikrogeschichtliche Untersuchung der polnischen Kronstadt Fraustadt in transnationaler Perspektive

Teilprojekt im Forschungsbereich 1 „Regionalität und Regionsbildung“
(1.10.2016–30.9.2017)

Das Projekt, das auf ein besseres Verständnis der widersprüchlichen Entwicklungen von polnischen Städten zwischen dem Ende des 17. und der Mitte des 18. Jahrhunderts abzielt, wurde im Rahmen eines Langzeitstipendiums durchgeführt. Am Beispiel der an der schlesischen Grenze gelegenen großpolnischen Kronstadt Fraustadt (Wschowa) wurde untersucht, wie sich politische Rahmenbedingungen, Migration und Elitenkonflikte auf die wirtschaftliche und demographische Entwicklung einer Stadt auswirkten. Der Fokus auf Fraustadt war durch die große Bedeutung der Stadt für die polnische Krone, durch ihre auf Tuch- und Leinenweberei beruhende wirtschaftliche Leistungskraft und durch ihre Grenzlage begründet. In Fraustadt trafen politische und rechtliche Strukturen Polen-Litauens auf wirtschaftliche und personelle Verbindungen nach Schlesien, katholische gegenreformatorische Bemühungen auf eine traditionsreiche, eng vernetzte lutherische Stadtgemeinde. König und Adel erhoben Herrschaftsansprüche gegenüber selbstbewussten städtischen Eliten, die ihrerseits König und Adel für ihre internen Konflikte zu instrumentalisieren suchten.


Jens Boysen: „Waffenbrüder“ im sowjetischen Glacis. Die Nationale Volksarmee der DDR und die Polnische Volksarmee der Volksrepublik Polen als nationale Systemträger und Bündnispartner im späten Realsozialismus (1968–1990)

Teilprojekt im Forschungsbereich 4 „Gewalt und Fremdherrschaft im ‘Zeitalter der Extreme’“
(1.12.2010–31.12.2016)


Gegenstand der Arbeit war eine vergleichende Betrachtung der Rolle, welche die Nationale Volksarmee der DDR und die Polnische Volksarmee der Volksrepublik Polen im politischen Gesamtsystem ihres jeweiligen Staates in den 1980er Jahren gespielt haben, als die kommunistische Herrschaft in Polen bereits von mehreren Seiten her – nicht zuletzt auch aus der herrschenden Partei PVAP heraus – unterminiert war und nur durch die unmittelbare Machtübernahme durch ein zivilmilitärisches Regime im Dezember 1981 auf einige Zeit noch halbwegs aufrechterhalten werden konnte. Angesichts der destabilisierenden Wirkung, die diese Entwicklung – wie es von der SED-Führung klar gesehen wurde – langfristig auf das gesamte „sozialistische Lager“ haben musste, und der vollständigen Abhängigkeit der DDR von dessen Existenz führten in den 1980er Jahren zu einer immer konservativeren Politik der SED im Innern und zugleich zu einem zunehmenden außenpolitischen Aktionismus, wobei die DDR-Führung zwischen (mindestens) drei aus ihrer Sicht letztlich unberechenbaren Partnern lavieren musste: dem „ideologisch unzuverlässigen“ Polen, der Bundesrepublik als dem offiziell gehassten Klassenfeind und zugleich faktischen ökonomischen Garanten der DDR sowie der Sowjetunion als ihrem politisch-militärischen Garanten, der aber unter Gorbačev die gemeinsame ideologische und geopolitische Basis schrittweise zu verlassen begann.

Die Einstellung bzw. das Verhalten der Armeen, d.h. vor allem der eng an die jeweils herrschende Partei angebundenen Offizierskorps, war hier besonders interessant, da es in den frühen 1980er Jahren ein letztes Mal zu einem verschärften Wettrüsten kam, das eine gesteigerte innere Militarisierung zur Folge hatte. Auch der Umstand, das in Polen unter General Jaruzelski die Armee mehrere Jahre lang direkt und – trotz des formal weiterbestehenden „realen Sozialismus“ – unter Berufung auf ältere nationale Traditionen innenpolitische Macht ausübte, war als Besonderheit zu untersuchen. Dagegen konnte bzw. wollte die DDR  seit den 1970er Jahren auf eine solche nationale Begründung nicht mehr zurückgreifen und benötigte daher – als einziger KSZE-Staat – die Systemkonfrontation als legitimatorisches Motiv. Trotz aller Unterschiede waren die Offizierskorps des Warschauer Pakts ähnlich sozialisiert und kooperierten jahrzehntelang. Bemerkenswert ist ebenfalls, dass die Sowjetunion im Rahmen ihrer jeweils aktuellen Sicherheitsinteressen den „Satellitenstaaten“ durchaus Freiräume beließ, wie auch die Tatsache, dass die Armee – im Unterschied zu den diversen paramilitärischen Truppen – in der DDR wie auch in Polen die Oppositionsbewegung letztlich nicht gewaltsam zu ersticken suchte.

Die Arbeit sollte daher drei Dimensionen berücksichtigen: die jeweiligen zivil-militärischen Beziehungen im Innern, das Verhältnis der beiden Nachbarstaaten zueinander bzw. zur Sowjetunion innerhalb des erodierenden Warschauer Pakts sowie die Bedeutung nationaler militärischer Traditionen bzw. anderer normativer Faktoren für die Bestimmung der eigenen gesellschaftlichen Position der Armeen.


Urszula Zachara-Związek: The Habsburg Wives of Sigismund Augustus. Marrying Cultures – Clashing Cultures

Teilprojekt im Forschungsbereich 2 „Religion, Politik und Wirtschaft im vormodernen Polen“
(1.1.2014–31.12.2016)


Das Thema wurde im Rahmen des HERA-Projekts „Marrying Cultures. Queens Consort and European Identities 1500–1800“ realisiert. Sein Ziel war die Rekonstruktion der verschiedenen Aspekte des Kulturaustauschs, welcher mit den Ehen des polnischen Königs Sigismund August mit den habsburgischen Schwestern Elisabeth (Ehe von 1543 bis 1545) und Katharina (Ehe von 1553 bis 1572) verbunden war.

Als zentrale Frage wurde untersucht, ob bzw. welche kulturellen Neuerungen am königlichen Hof in Polen die Ehen des Königs Sigismund August mit den Erzherzoginnen mit sich brachten. Umfang und Bedeutung dieser Neuerungen wurden in Bezug auf höfisches Zeremoniell, Organisation des Hofes, Religion, Literatur, Musik usw. hinterfragt. In welchen Bereichen waren Innovationen möglich, in welchen waren nicht, und warum war das so? Darüber hinaus war zu untersuchen, in welchen Richtungen der Kulturaustausch ablief. Übernahmen die Habsburgerinnen auch Muster, die sie am jagiellonischen Hofe antrafen?

Ausgangspunkt der Forschungen war der Versuch, die Umgebung, in welcher die zukünftigen Ehepartner aufwuchsen, zu charakterisieren und das „kulturelle Kapital“ der Beteiligten herauszuarbeiten. Eine wichtige Frage war, inwieweit man für die Mitte des 16. Jahrhunderts von einer „Kultur der Habsburger“ und einer „Kultur der Jagiellonen“ sprechen kann. Natürlich waren dies keine homogenen, genau definierten Gebilde, doch lassen sich einzelne ihrer Elemente, etwa die Wahrnehmung der Rolle einer Königin und die Art und Weise der Umsetzung dieser Rolle, vergleichen. Damit verbunden war die Frage, inwiefern das Handeln einer Königin aus dem ihr aufgezwungenen Rahmen resultierte und inwiefern individuelle Eigenschaften es ihr ermöglichten, diesen Rahmen zu überschreiten.

Besonders ergiebig bei der Erforschung dieser Fragestellung war der Vergleich von Auftreten und Rolle der beiden Erzherzoginnen am jagiellonischen Hofe, leiblicher Schwestern, welche Gemahlinnen desselben Königs waren, wenngleich sich die Umstände der Eheschließungen unterschieden. Zum Zeitpunkt der Heirat mit Elisabeth war Sigismund August zwar bereits zum König gewählt, doch regierte er bis zum Tode seines Vaters nur in Litauen (seit 1544). Bei der Eheschließung mit Katharina war Sigismund August dann schon alleiniger Herrscher. Für Erzherzogin Katharina war es die zweite Ehe, zu berücksichtigen ist der Einfluss ihrer ersten, wenn auch kurzen Ehe mit Herzog Francesco III. Gonzaga von Mantua. Dennoch bot ein Vergleich der Rolle und des Agierens beider Königsgemahlinnen die Chance, Regelmäßigkeiten herauszuarbeiten und theoretische Modelle des Kulturtransfers auf sie anzuwenden.


Iwona Dadej: Geschlechterordnung in polnischen wissenschaftlichen Strukturen 1890–1952. Veränderungen, Kontinuitäten und Brüche

Teilprojekt im Forschungsbereich 4 „Gewalt und Fremdherrschaft im ‘Zeitalter der Extreme’“
(1.1.–31.12.2016)


Das Projekt, dem sich die Bearbeiterin als Langzeitgastforscherin widmete, trug ursprünglich den Titel „Ideelle Gemeinschaften zwischen utopischen Entwürfen und radikalen Projekten. Streifzüge durch reformerisches Gedankengut im polnischen Kontext, 1880–1965“ und befasste sich in seiner Anfangsphase mit utopischen Gedanken und Vorstellungen in Künstler- und akademischen Kreisen des polnischen Exils. Im Zentrum standen dabei zunächst radikale Gedankenexperimente von Vertretern dieser Kreise, die sich aus deren gesellschaftlichen Erfahrungen speisten und eine Plattform für zukunftsorientierte Vorstellungen und gegenwartskritisches Handeln bildeten. Diese Fragen sollten mittels der zwei zentralen analytischen Kategorien Nation und Geschlecht untersucht und die Wege des Transfers vom transnationalen zum partikularen Kontext nachgezeichnet werden.

In der ersten Jahreshälfte 2016 wurde die Konzeption des Projekts im Zuge der Bewerbung um Fördermittel beim Nationalen Wissenschaftszentrum (Narodowe Centrum Nauki) erweitert. Das erweiterte Projekt „Geschlechterordnung in polnischen wissenschaftlichen Strukturen 1890–1952. Veränderungen, Kontinuitäten und Brüche“ wurde bewilligt. Dank der zugesagten Finanzierung wird die Bearbeiterin die Arbeit am Projekt im Rahmen des dreijährigen Programms FUGA 5 ab dem 1. Januar 2017 am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften (IH PAN) fortsetzen.

Bei dem bewilligten Projekt geht es primär darum, die Beschäftigung polnischer wissenschaftlicher Strukturen und Denkkollektive mit Fragen des Geschlechterverhältnisses in der Langzeitperspektive – von den Anfängen bis zur Gründung der Polnischen Akademie der Wissenschaften im Jahre 1952 – zu untersuchen. Das Projekt baut zum Teil auf der ursprünglichen Idee auf, die utopischen Vorstellungen von Geschlechterordnung um 1900 und die damals entworfenen Zukunftsvisionen im Bereich der Geschlechterverhältnisse zu untersuchen. Daher werden auch die theoretischen Konzepte und Perspektiven übernommen, darunter die Untersuchung der utopischen Gedankenexperimente zu einer künftigen Geschlechterordnung in akademischen Kreisen. Analysiert werden u.a. die Wege des Transfers und der „Übersetzung“ der reformerischen Gedanken in den polnischen Kontext. Hierbei geht es um Zukunftsvisionen und radikale Manifeste, die Bilder von Frauen als wissenschaftlich kreative und produktive Protagonistinnen entwarfen, welche dadurch die Modernisierung der Gesellschaft mitgestalten (Mary E. Bradley, Meta von Salis-Marschlins). Der Wissenschaftsbetrieb kann als ein Ort beschrieben werden, der auch als Labor diente, in dem sich die Fortentwicklung der Geschlechterbeziehungen (zunehmende Präsenz von Frauen an Universitäten, Veränderung ihrer Stellung in Hierarchien und ihrer gesellschaftlichen Position) manifestierte. In dem Projekt werden allgemeine Konzepte der historischen Geschlechterforschung (wie Karin Hausens Thesen zur Geschlechterordnung) ebenso angewendet wie theoretische Zugänge und Konzepte der Wissenschaftsforschung (Theresa Wobbe, Margaret W. Rossiter, Londa Schebinger) und die empirisch fundierten Arbeiten deutscher Forscherinnen wie Petra Hoffman und Annette Vogt.


Katrin Stoll: Geschichtsschreibung und öffentlicher Gebrauch von Geschichte in der Spätmoderne. Kollektivsymbole und Repräsentationen des Holocaust in Deutschland und Polen

Teilprojekt im Forschungsbereich 5 „Funktionalität von Geschichte in der Spätmoderne“

Problemaufriss
70 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa haben wir es im „neuen Europa“ nach 1989 und der EU-Erweiterung mit der Gleichzeitigkeit eines Erinnerungsbooms, von Erinnerungskämpfen, Opferkonkurrenz und einer zunehmenden Bagatellisierung und Akzeptanz von Antisemitismus, Xenophobie und Rassismus zu tun. Dieses Phänomen wirft angesichts des Aufkommens neuer rechter Parteien und Gruppierungen grundsätzliche Fragen nach der „Erziehung nach Auschwitz“ (Adorno), dem Stellenwert von Auschwitz sowie dem konkreten Umgang mit der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in der Gegenwart auf.

Forschungstendenzen und Konzeptualisierungen
Die Warum-Frage, die sich in ihrem Bemühen, das Unbegreifbare hinreichend zu erklären, notwendigerweise auf das konkrete historische Ereignis richtet und Fragen nach der historischen Bedingtheit von Täterschaft und Mittäterschaft in einer „judenfeindlich imprägnierten Kultur“ (Dan Diner) stellt, ist im historiographischen Diskurs in den Hintergrund getreten. Anthropologisch und vergleichend ausgerichtete makrogeschichtliche Ansätze, welche die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden in eine allgemeine Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts einordnen und die Shoah als einen Genozid unter anderen deuten, haben dagegen an Bedeutung gewonnen. Genozid ist dabei ein normativer, kein analytischer Begriff.  Jan Tomasz Gross plädiert in Neighbors (2001) dafür, den Holocaust als ein „heterogenes Phänomen“ zu begreifen, das ein geplantes „System“ der Vernichtung darstellte und sich gleichzeitig aus „einzelnen Episoden zusammensetzte, die von lokalen Anführern improvisiert wurden, abhängig von spontanen Verhaltensweisen […]“. Es stellt sich die Frage, welche Folgen dieser Konzeptualisierungsvorschlag für die polnische Historiographie und die öffentliche Debatte über den Holocaust in Polen hatte.

Diskursive Strategien und Implikationen
Zwar gilt die Erinnerung an den Holocaust als Eintrittskarte in das neue Europa, aber die Deutung des Geschehens als ein Zivilisationsbruch, als ein Ereignis, das etwas mit uns und unserer Kultur zu tun hat und uns in der Gegenwart und  Zukunft betrifft, hat sich in Europa keinesfalls durchgesetzt. Stattdessen sind im wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs Strategien der Anthropologisierung, Entkontextualisierung, Normalisierung, Relativierung, Trivialisierung, Mystifizierung, Nationalisierung und Universalisierung des Holocaust zu beobachten. Diese Tendenzen finden sich sowohl im Land der Täter als auch in den seinerzeit von Deutschland besetzten europäischen Ländern. In der Bundesrepublik Deutschland dient die offizielle Politik der „negativen Erinnerung“ (Koselleck) spätestens seit den 1980er Jahren vor allem einem Zweck: „der Re-Artikulation einer deutschen Kulturnation und einer neuen nationalen Identität“ (Geyer/Hansen) – mit der Folge, dass die Auseinandersetzung mit der Realität des Geschehens in den Hintergrund rückt. Die dominante Erinnerungspolitik der polnischen Mehrheitsgesellschaft ordnet den Holocaust in ein nationales Opfernarrativ im Zweiten Weltkrieg ein, das den Mord an den Juden marginalisiert. Wie Elżbieta Janicka eindrucksvoll gezeigt hat, steht in den von der dominanten Kultur produzierten Repräsentationen das Selbstbild der polnischen Mehrheitsgesellschaft auf dem Spiel.

Erkenntnisinteresse und Fragestellungen
Das Erkenntnisinteresse des Projekts richtet sich auf die Wechselwirkungen zwischen den von der offiziellen Erinnerungspolitik produzierten Geschichtsbildern und Kollektivsymbolen und den von den Akteuren des wissenschaftlichen Feldes produzierten Interpretationen. Es befasst sich mit folgenden Fragen: Welche retrospektiven Deutungen des historischen Geschehens werden in den verschiedenen Umgangsweisen – den symbolischen Praktiken und materialisierten Erinnerungsformen, Positionen in öffentlichen Debatten, den Konzeptualisierungen, Konzepten und Begriffen im wissenschaftlichen Diskurs – zum Ausdruck gebracht? Inwieweit spiegeln die diskursiven und symbolischen Praktiken identitäts- und geschichtspolitische oder vielmehr gesellschaftskritische Anliegen? Wodurch zeichnen sich kritisch-analytische Ansätze von Akteuren des wissenschaftlichen Feldes aus, die quer zu den dominanten Erzählungen, Deutungsmustern, Konzeptualisierungen, Konzepten und Praktiken stehen?

Fallstudien
Diese Fragestellungen sollen anhand ausgewählter Fallbeispiele zu Polen und Deutschland bearbeitet werden. Für Deutschland werden u.a. der Diskurs um den 8. Mai als Tag der Befreiung, der ein Beispiel für das Phänomen der „Transformation des Opferbegriffs“ (Koselleck) nach 1945 ist, und der „Normalitätsdiskurs“ (d.h. die Etablierung des Paradigmas der „Normalität“ der nationalsozialistischen Gewaltverbrecher in der Täterforschung) rekonstruiert und dekonstruiert.

Was das wissenschaftliche Feld in Polen anbetrifft, gilt es, die Debatte um die Konzeptualisierung der polnischen Mehrheitsgesellschaft im Angesicht der Verfolgung und Ermordung der Juden zu analysieren (Revision des Konzepts und der Begriffe Zeuge / bystander). Als  Beispiel für Macht- und Deutungskämpfe um symbolische Repräsentationen und materialisierte Erinnerungsformen wird die Debatte um die Errichtung des Denkmals für die polnischen Gerechten auf dem ehemaligen Warschauer Getto-Gelände ausgewählt. Die geplante Denkmalssetzung, die auf eine Initiative der Kanzlei des polnischen Präsidenten zurückgeht und als Besetzung des jüdischen Erinnerungsorts um das Getto-Denkmal angesehen werden kann, ist eine gegenläufige Entwicklung zu dem wissenschaftlichen Diskurs der neueren polnischen Holocaustforschung. Sie wirft Fragen nach der Wirkungskraft einer kritisch-analytischen Geschichtsschreibung im institutionalisierten Erinnerungsraum und nach einem Geschichts- und Zeitverständnis auf, in dem das Hier und Jetzt nicht als ein historisch Gewordenes begriffen wird.


Magdalena Saryusz-Wolska: Die Rezeption von Geschichtsfilmen in Deutschland und Polen

Teilprojekt im Forschungsbereich 5 „Funktionalität von Geschichte in der Spätmoderne“

Die meisten Untersuchungen zu den Themenkomplexen „Film und Geschichte“ bzw. „Film und Erinnerungskulturen“ beschränken sich auf eine Analyse der Art und Weise, in der Vergangenheit dargestellt wird. Nicht selten konzentrieren sich Forscherinnen und Forscher auf die Frage, wie nahe die Filmhandlung den historischen Ereignissen komme. Dabei werden meist sowohl die Rezeptionspraktiken als auch die Spezifik des Dispositivs übersehen, obwohl es von überaus großer Bedeutung ist, ob der Film im Kino, im Fernsehen, auf DVD oder im Internet gesehen wird, da jeder dieser Rezeptionswege einen jeweils anderen Kontext schafft und voraussetzt. Um das erinnerungsstiftende Potential der Medien zu erfassen, muss folglich mehr als nur die Inhalte untersucht werden. Entscheidend ist, was die Rezipienten mit ihnen „machen“, wie sie mit ihnen aktiv und kreativ umgehen.

Insbesondere Produkte der spätmodernen Popkultur müssen als Teil eines Netzwerkes behandelt werden, in welchem – neben den Werken selbst – auch die Produzenten und ihre wirtschaftlichen Interessen, die Rezipienten und ihre Praktiken sowie die Eigenschaften einzelner Medien untersucht werden. Wo sehen die Zuschauer die Filme? Wie wird über die Filme in den Printmedien und im Internet geschrieben? Gibt es Parallelen zwischen einzelnen Werken und offiziellen Aktivitäten im Bereich der Geschichtspolitik? Welche Stoffe werden mit öffentlichen Mitteln gefördert und welche werden eher von privaten Trägern finanziert? All diese Fragen sind von herausragender Bedeutung für die Erfassung von Filmen als Gedächtnismedien in der Spätmoderne.

Da es sich um ein äußerst komplexes Forschungsfeld handelt, ist davon auszugehen, dass sich keine allgemein geltenden Mechanismen der Aneignung von filmischen Geschichtsbildern identifizieren lassen können. Denn vieles hängt vom kulturellen Kontext, den aktuellen politischen Ereignissen, parallelen Medienangeboten und individuellen Präferenzen ab. Die geplanten Studien sollen sich daher auf wenige Fallstudien aus Deutschland und Polen beschränken, vorzugsweise auf Filme, die nicht nur im Kino, sondern auch im Fernsehen gezeigt wurden und deren Rezeptionsgeschichte weitgehend abgeschlossen ist. Die Erforschung der Rezeption ausgewählter filmischer Präsentationen der deutsch-polnischen Geschichte sowohl aus historischer als auch aus gegenwärtiger Perspektive erfordert eine Anwendung unterschiedlicher Methoden: Bildanalyse, qualitative Inhaltsanalyse (jeweils als Ausgangspunkt), diskursive Analyse von Pressematerialien, insbesondere von Rezensionen und Leserbriefen, Archivrecherchen (im Hinblick auf die historische Rezeption), gezielte Internetrecherchen (inklusive einer qualitativen und quantitativen Auswertung), eventuell auch Interviews, Beobachtungen etc. Die Ergebnisse sollen in Form von Aufsätzen in wissenschaftlichen Zeitschriften und Sammelbänden präsentiert werden.

Mögliche Analyseobjekte wären sogenannte Skandalfilme, die ein intensives Medienecho hervorgerufen haben. Ein gutes Beispiel hierfür wäre u.a. der Fünfteiler Am Grünen Strand der Spree (1960, Regie: Fritz Umgelter), in dem zum ersten Mal im westdeutschen Fernsehen fiktive Bilder des besetzten Polen und der Judenermordung präsentiert wurden. Die Serie war eines der größten Ereignisse im damaligen Fernsehen. Obwohl in den frühen 1960er Jahren noch keine Zuschauerquoten gemessen wurden, muss das Publikum groß gewesen sein: Zeitgenössische Zeitschriften bezeichneten Am grünen Strand der Spree als „Straßenfeger“. Für Empörung sorgte besonders die 20-minütige Szene einer Judenerschießung in der ersten Folge. Ob sich Fragen wie die nach den Aktivitäten des Publikums, parallelen Medienangeboten und schließlich dem sinnstiftenden Potential des Fünfteilers beantworten lassen werden, hängt allerdings von der Quellenlage ab, die noch eruiert werden muss. Neuere Beispiele für „Skandalfilme“ mit Bezug zur deutsch-polnischen Geschichte, die intensive Diskussionen hervorgerufen haben, wären u.a. der Dreiteiler Unsere Mütter, unsere Väter (TV, 2013, Regie: Philipp Kadelbach) oder Ida (2013, Regie: Paweł Pawlikowski) – wobei sich im letzteren Fall die polnische Kontroverse eher daran entzündete, dass der Film sich auf Polen und Juden konzentrierte und die Deutschen nur am Rande erwähnte.


Aleksandra Kmak-Pamirska: Podlachien und die Niederlausitz: Image und Verinnerlichung im kulturellen und gesellschaftlichen Diskurs im 19. und frühen 20. Jahrhundert

Teilprojekt im Forschungsbereich 1 „Regionalität und Regionsbildung“

Das Ziel des Projekts ist die Rekonstruktion des Images der Randregion aus der Außenperspektive. In einer vergleichenden Analyse werden zwei Randregionen im 19. Jahrhundert und in den ersten Dekaden des 20. Jahrhunderts untersucht: Podlachien und die Niederlausitz. Diese Räume werden – im Verhältnis zu anderen polnischen und deutschen Gebieten – sowohl in struktureller Hinsicht als auch hinsichtlich des gesellschaftlichen Bewusstseins der Einwohner – als Randregionen wahrgenommen. Beide Regionen wurden bei bisherigen regionalen Forschungen meist übergangen, da Regionen, die eine größere Rolle im gesellschaftlichen und historischen Bewusstsein spielten (z.B. Galizien, Pommerellen, Ober- und Niederschlesien), den Schwerpunkt bildeten. Die Fokussierung des Vorhabens auf Podlachien und die Niederlausitz schließt somit eine Lücke der Regionalforschung. Das zentrale Forschungsproblem stellt die Erörterung des Images der Randregion dar, das von außen konstruiert wurde. Welches Image Podlachiens und der Niederlausitz wurde in den Zentralregionen geschaffen? Die Analyse berücksichtigt auch den Faktor Zeit, das heißt die Frage, wann die jeweilige Randregion größere Bedeutung für die Zentren erlangte und welche Rolle sie dabei spielte. Im Rahmen der Forschung wird versucht, die Nutzung historischer, kultureller und politischer Motive in den Zentralregionen für die Darstellung der Einheit von Zentrum und Peripherie sowie für die Verinnerlichung dieses Images in den Randregionen zu ergründen. Eine wichtige Frage ist dabei die nach den Urhebern des Images von Podlachien und der Niederlausitz und ihren Beweggründen. Die Milieus, die die Entstehung des Images der Randregion aktiv beeinflussten, werden unter quantitativem und qualitativem Aspekt analysiert. Die Analyse beinhaltet die Faktoren Herkunft, gesellschaftlicher und beruflicher Stand sowie politische Aktivität. Daraus kann erschlossen werden, in welchem Maße das Image Podlachiens und der Niederlausitz von Bewohnern der zentralen Regionen geprägt wurde und wie stark daran aus Podlachien und der Niederlausitz stammende Personen beteiligt waren, die ihren Wohnort aufgaben, um einer Arbeit in den Zentralregionen  nachzugehen. Zudem werden die Milieus und Kontakte der Akteure, die das Image Podlachiens und der Niederlausitz prägten, betrachtet (z.B. Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler, Politiker). Einen weiteren Analyseschwerpunkt stellen die Spezifika der Randregionen dar, die in der zentralen Sichtweise bewusst vernachlässigt wurden, das heißt der Teil der peripheren Regionalität, der sich im gesamtgesellschaftlichen kulturellen Diskurs nicht zur Assimilation eignete. In Bezug auf Podlachien betrifft dies z.B. das Konglomerat aus kulturellen Elementen litauischer, (bela-)russischer und tatarischer Tradition. Hinsichtlich der Niederlausitz geht es vor allem die niedersorbische Kultur. Bei der vergleichenden Analyse der beiden untersuchten Randregionen zeigen sich zwischen ihnen viele Ähnlichkeiten auf den Ebenen Gesellschaft, Wirtschaft, Politik und Kultur (einschließlich Religion). Alle genannten Bereiche beeinflussen sich gegenseitig und lassen sich mit Hilfe eines Modells wechselseitiger Abhängigkeiten beschreiben. Dessen endgültige Ausarbeitung erfordert eine weitere Prüfung der Beziehungen zwischen Zentrum und Peripherie.  Es sollen Antworten auf folgende Fragen gefunden werden:

  1. Welches Image der Randregionen (Podlachien und Niederlausitz) wurde in den Zentralregionen geschaffen?
  2. Wie konstituierten sich die Kategorien Region und Regionalität? Welche Aspekte der peripheren Regionalität wurden im zentralen Diskurs berücksichtigt und welche übergangen?
  3. Welche Milieus spielten eine aktive Rolle bei der Entstehung des Images der Randregionen? Aus welchen Milieus stammten die wichtigsten Akteure und welche Kontakte und Verbindungslinien lassen sich zwischen Zentrum und Peripherie identifizieren?
  4. Wann stand die Randregion im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Zentren?
  5. Auf welchem Fundament wurde eine eventuelle Einheit zwischen den Rand- und den zentralen Regionen gegründet? Welche historischen, kulturellen, sozialen und politischen Motive wurden in den Zentralregionen für die Darstellung der Einheit von Zentrum und Peripherie genutzt?
  6. Wurde das neue Image in den Randregionen internalisiert?

Maria Cieśla: Eine ostmitteleuropäische Wirtschaftsregion als Handlungsbereich jüdischer Unternehmer im 18. Jahrhundert

Teilprojekt im Forschungsbereich 1 „Regionalität und Regionsbildung“

Im Rahmen des Forschungsprojekts soll eine ostmitteleuropäische Wirtschaftsregion aus der Perspektive der Mitglieder der jüdischen Wirtschaftselite betrachtet werden. Die methodische Grundlage der Untersuchung bildet die Analyse der Netzwerke, welche von jüdischen Unternehmern gebildet wurden. So wird die Region als ein von Menschen konstituierter Handlungsraum verstanden. Zudem werden die jüdischen Netzwerke als Teil adeliger Klientelsysteme beschrieben. Die Analyse der Rolle individueller Akteure ist besonders für die Geschichte der Juden relevant. In der bisherigen Forschung wurden die polnisch-litauischen Juden fast ausschließlich als eine anonyme gesellschaftliche Gruppe betrachtet. Wie Untersuchungen zur westlichen jüdischen Diaspora zeigen, eröffnet eine Einbeziehung der individuellen Perspektive der Forschung neue Zugänge zu Fragen im Zusammenhang mit der Rolle und den Funktionen, die die jüdische Bevölkerung innerhalb der christlichen Gesellschaft ausübte. Gleichzeitig erlaubt es die Herstellung eines Bezugs zum Klientelsystem der örtlichen Magnaten, die gesellschaftliche Stellung der Juden in der der polnisch-litauischen Adelsrepublik auf innovative Art und Weise zu beschreiben und bei der Darstellung ihres gesellschaftlichen Handeln über starre Standesgrenzen hinauszublicken. Im Zentrum des Projekts stehen folgende Fragen: Wodurch wurden die Grenzen der von den jüdischen Unternehmern konstituierten Wirtschaftsregion bestimmt (Beziehung zu politischen Grenzen in der Region)? Welche Strategien benutzten diese Unternehmer, um persönliche Netzwerke aufzubauen? Welche ethnische und soziale Zusammensetzung hatten diese Netzwerke? Weist die Struktur dieser Netzwerke besondere regionale Charakteristika auf? Welche Rolle spielten die jüdischen Netzwerke innerhalb des adeligen Klientelsystems? Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen die Brüder Ickowicz, „Hofjuden“ der Familie Radziwiłł, Pächter der radziwillschen Güter und Kaufleute, die in den 30er bis 50er Jahren des 18. Jahrhunderts im Großfürstentum Litauen tätig waren. Die Brüder – zu jener Zeit die mächtigsten und reichsten Juden im Großfürstentum – waren bereits Gegenstand früherer Untersuchungen, doch wurden bislang weder ihr (regionaler) Aktionsraum noch ihre persönlichen Netzwerke analysiert. Die Quellenbasis der Untersuchung bilden die Korrespondenz und Geschäftspapiere der Brüder Szmojło und Gedal Ickowicz.


Almut Bues: Hauptprojekt: Religion und Politik in Mitteleuropa. Polen-Litauen und die römische Kurie in der Frühen Neuzeit

Teilprojekt im Forschungsbereich 2 „Religion, Politik und Wirtschaft im vormodernen Polen“

Die polnisch-litauische Rzeczpospolita stellte nach der Union von Lublin von 1569 eine der größten politischen Einheiten Europas dar, wurde jedoch von keiner (vom Zentrum ausgehenden) einheitlichen professionellen territorialen Verwaltung zusammengefasst. Die Weite des Territoriums brachte Schwierigkeiten in der Kommunikation mit sich, die Forscher wie Antoni Mączak immer wieder unterstrichen haben. Adlige Klientelsysteme, die informellen Machtsysteme Polen-Litauens in der frühen Neuzeit, funktionierten gut auf lokaler Ebene, sie konnten für die Gesamtheit der Rzeczpospolita fallweise mobilisiert werden, waren aber auf Dauer nicht effektiv. Die verschiedenen Konfessionen und Religionsgemeinschaften wie Calvinisten, Antitrinitarier, Arianer, Mennoniten, Orthodoxe, Armenier, Muslime und Juden verfügten über ihre eigenen Netzwerke. Gleiches galt auch für deutsche, holländische oder schottische Minderheiten. Interdependenzen zwischen personalen Verflechtungen und „großer Politik“ waren in der Rzeczpospolita auch in der Kirchenpolitik gegeben. Rivalisierende regionale Einheiten und Ambivalenzen erschwerten für Außenstehende ein Zurechtfinden. Die Nuntien interpretierten ähnlich wie die kaiserlichen Gesandten die ihnen anfangs fremde polnische Realität äußerst persönlich und informell; hier spielte es eine große Rolle, wer wie vernetzt war, wobei Mehrfachbeziehungen möglich waren.

Noch zu wenig untersucht ist, inwieweit und wie die kirchlichen Strukturen in diese Geflechte hineinwirkten. Wolfgang Reinhard beschrieb die Kirche als Mobilitätskanal in der frühneuzeitlichen Gesellschaft; entsprechend ist nach der horizontalen und vertikalen Mobilität in Polen zu fragen. Die kirchlichen Kontakte gingen naturgemäß über den nationalen Rahmen hinaus. Kamen dadurch Modernisierungsschübe zustande? Welche Konkurrenzen entstanden dabei? Inwieweit ist ein Elitentausch festzustellen? Wo lagen die Grenzen kirchlicher Einflussnahme (die katholische Kirche erlitt in Polen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts einen Machteinbruch, zeitweise war über die Hälfte der Senatoren nicht katholisch)? Welche Bedingungen und Möglichkeiten gab es für Karrieren in der katholischen Kirche? Welches waren die Wege und wo lagen die Grenzen eines Aufstiegs? Wie verliefen die Kommunikationskanäle und wer waren die Beziehungsmakler? Sind Familienstrategien zu erkennen? Zu untersuchen sind die Karrieren von Geistlichen im weltlichen Staatsapparat. Ferner ist – aus der Sicht Zentrum-Peripherie – der Rolle Roms bei der Herausbildung von lokalen Eliten nachzugehen. Wie verhielten sich die römische Kurie und die verschiedenen Orden und was hatten sie zu bieten? Durch das System der Wahlmonarchie konnten theoretisch keine dauernden Abhängigkeiten geschaffen werden.

13
Nov
Kolloquium
Romana Petráková (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg): Die Hl. Kreuzkirche zu Breslau als Herausforderung der kunsthistorischen Forschung
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