Funktionalität von Geschichte in der Spätmoderne


Einleitung

Seit einiger Zeit scheint sich ein grundsätzlicher Wandel in der Funktionalität von Geschichte und in der öffentlichen wie individuellen Nutzung der Vergangenheit zu vollziehen. Der zunehmende Präsentismus der Konsumgesellschaft wird durch die steigende Präsenz der Vergangenheit im öffentlichen Raum, in Medien aller Art, bei der Unterhaltung und Freizeitgestaltung, im Tourismus und selbst in der Wirtschaft begleitet. Historische Stoffe füllen die Fernsehprogramme, Buchhandlungen sowie Programme touristischer Sonderfahrten, Unterhaltungsspiele basierend auf historischen Themen finden guten Absatz, Kommunen organisieren Mittelaltermärkte, subkulturelle Szenen begeistern sich für das Mittelalter, Re-Enactments aller Art erfreuen sich großer Beliebtheit, Firmen werben mit  „Tradition“ und berufen sich in ihrer corporate identity auf die Vergangenheit. Menschen sind von Retro-Stilen und Comebacks umgeben.

Teilweise lässt sich diese Entwicklung auf den Ökonomismus des gegenwärtigen, neoliberal geprägten politischen und gesellschaftlichen Diskurses zurückführen. Doch handelt es sich hierbei weniger um die Ursache als ebenfalls um ein Symptom von tiefgreifenden kulturellen Umwandlungen, die in der Spätmoderne zu verorten sind. Die zeitgleiche Pluralisierung und Individualisierung von Identitäten und Lebensentwürfen von Menschen sowie von kollektiven Zugehörigkeiten implizieren eine neue Vielfalt und Flexibilität bei den Formen des Geschichtsgebrauchs, des Geschichtsverständnisses und der Nutzung bestimmter Geschichtsnarrative. So scheint nach zwei Jahrhunderten des Historismus auch die ästhetische Funktion der Vergangenheit wieder deutlich zugenommen zu haben, während etwa die Geschichtsdidaktik und Museumspädagogik grundsätzlichen Daseinsfragen nachgehen müssen.

Mit diesen widersprüchlichen Phänomenen befassen sich die Projekte des Forschungsbereiches. Ihre Aufgabe ist es, die betreffenden Prozesse im Kontext der Spätmoderne zu analysieren und zu interpretieren. Im Vordergrund stehen Fragen nach der Funktionalität und Funktionalisierung von Geschichte, ihrer Nutzung und Anwendung sowie nach dem Wandel des Geschichtsverständnisses und nach einer neuen Bedeutung von Kategorien wie Authentizität im „Geschichtskonsum“ der Erlebnisgesellschaft. Nicht zuletzt wird auch nach den Konsequenzen für die Rolle und gesellschaftliche Relevanz der Geschichtswissenschaft gefragt. Auch wenn der Stellenwert der Vergangenheit etwa in der politischen Bildung und politischen Legitimation zwangsläufig berücksichtigt wird, richtet sich die Aufmerksamkeit weit über den Rahmen der Studien zur Erinnerung und Geschichtspolitik hinaus.

Es erscheint daher attraktiv, zeitliche Konjunkturen des Geschichtsgebrauchs und den damit verbundenen Anstieg der Produktion und Verbreitung von Geschichtsmedien für den gesamten ostmitteleuropäischen Raum oder Teile dessen epochengebunden zu untersuchen. Speichermedien (im allerweitesten Sinn) und der intermediale Transfer spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie deren Produzenten und die Akteure des Transfers. Gefragt wird nach überlieferten Figuren, Ereignissen, Orten und Themen sowie der Rolle der erinnerten Bilder und Narrative sowie nach kollektiven, immer flexibleren, pluralen und variierenden Selbst- und Fremdbildern, die die Geschichtsmedien prägen. Dabei spielt die Generation als Untersuchungskategorie eine wichtige Rolle.

Die gegenwärtige Situation in Polen weist einerseits weitgehende symptomatische Gemeinsamkeiten mit anderen Ländern und Gesellschaften Europas auf, lässt andererseits aber viele historisch und kulturell gegebene spezifische Züge erkennen. Vor diesem Hintergrund eignet sie sich als guter Ausgangspunkt für transregional oder vergleichend angelegte Analysen, um die im Fokus stehenden Phänomene zu interpretieren.


Teilprojekt 1

Original Ostblock? Der Staatssozialismus im Städtetourismus Ostmitteleuropas

Bearbeiterin: Sabine Stach

Ein Blick auf das heutige städtetouristische Angebot in Ostmitteleuropa offenbart viele Möglichkeiten, sich als Reisende/r mit dem Erbe des Staatssozialismus auseinanderzusetzen. Neben privaten und staatlichen Museen, Gedenkstätten und Themenparks laden kommerzielle Reiseveranstalter zu speziellen – meist englischsprachigen – Stadttouren ein, die sich „dem Kommunismus“ und dessen materiellen Relikten widmen. Neben den erlebnisorientierten „communist tours“ in Oldtimern nehmen auch die zunehmend populären „free walking tours“ häufig die jüngere Geschichte in den Blick.

Solche geführten Stadtrundgänge bzw. -fahrten stehen im Fokus des Forschungsprojektes. Mit der guided tour wendet es sich einem Basiselement des Tourismus zu, welches die Vermittlung historischen Wissens ebenso verspricht wie Unterhaltung und Spiel. Nur hier, so die Vorstellung, erhalte der Ortsunkundige Zugang zu Orten und Informationen, die ihm sonst verborgen bleiben würden. Dem Fremdenführer obliegt es als transkulturellem Mittler, das lokale Kulturerbe für die Gäste auszuwählen und zu deuten. Der Staatssozialismus polnischer und tschechoslowakischer Prägung muss demnach, so die Forschungshypothese, an das Vorwissen und die Erwartungen der zahlenden Gäste aus der ganzen Welt anschlussfähig gemacht werden. Authentizität – der zentrale Bezugspunkt im Tourismus – scheint dabei auf verschiedenen Ebenen eine Rolle zu spielen: Das Echtheitsversprechen der „communist heritage tours“ bezieht sich auf die materiellen Überreste der Zeit vor 1989 ebenso wie auf das touristische Erlebnis im Hier und Jetzt.

Wenngleich in der deutschen, aber auch der polnischen Erinnerungs- bzw. Geschichtskulturforschung der letzten beiden Jahrzehnte zahlreiche Studien zu verschiedensten Formen der populären Geschichtsvermittlung entstanden sind, ist die Kommodifizierung der Historie im Tourismus davon bislang fast gänzlich ausgenommen geblieben. Allenfalls am Rande wird in Untersuchungen (etwa zur Musealisierung der Geschichte) auf die Bedeutung der internationalen Tourismusindustrie hingewiesen. Eine Konzeptualisierung der guided tour als Generator konkreter Geschichtsbilder und historischer Sinnbildung steht bislang aus. Hier setzt dieses Forschungsprojekt an: Anhand der Präsentation des Staatssozialismus im kommerziellen Städtetourismus wird nach den Funktionsmechanismen historischen Erzählens in der geführten Tour gefragt. Was passiert, wenn Geschichte zum Gegenstand einer Dienstleistung im öffentlichen Raum wird? Welchen Einfluss auf die Erzählung nehmen die Stadttopographie und die gewählte Route einerseits, die Erlebnisbedürfnisse und das (visuelle) Vorwissen der Touristen andererseits? Welche Themen kommen zur Sprache und welche bleiben ausgeblendet? Wie lassen sich die hierbei wirksamen „Authentizitätsfiktionen“ (Pirker et al. 2010) beschreiben? Und wie lässt sich die Feedbackschleife aus touristischer Erwartung, Kommodifizierung und Geschichte über den „touristischen Blick“ (Urry 1990) hinaus theoretisch-konzeptionell fassen?

Zur Beantwortung dieser Fragen wird an klassische Ansätze der Tourismussoziologie sowie theoretische Überlegungen zum Heritage-Begriff angeknüpft. Ausgehend von der These, dass der städtische Raum selbst Einfluss auf die Darstellung und Aneignung der Geschichte nimmt, sind Fallstudien in drei Städten geplant, die sich durch ihre sehr unterschiedliche architektonische Überbauung im Staatssozialismus unterscheiden: Warschau, Prag und Bratislava. Hier gilt es zunächst, die verschiedenen Angebote zu erfassen und zu typologisieren, um dann ihre narrativen und performativen Besonderheiten zu beschreiben. Empirisch basiert die Untersuchung auf teilnehmenden Beobachtungen sowie Interviews mit Stadtführer/innen und Reiseveranstaltern in den genannten Städten.


Teilprojekt 2

Rettung der Juden während des Zweiten Weltkrieges in kontemporären europäischen Museen

Bearbeiterin: Zofia Wóycicka

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In den letzten zwei Jahrzehnten wurde in verschiedenen Ländern Europas eine bemerkenswerte Anzahl von Museen errichtet, die Menschen gewidmet sind, die während des Zweiten Weltkriegs Juden geholfen haben. Sie sind Ausdruck des wachsenden internationalen Interesses an diesem Aspekt der Geschichte des Holocausts. Sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene erlebt das Thema der Judenrettung eine außergewöhnliche Konjunktur. So betonte man in der Stockholmer Erklärung die von der Task Force im Jahr 2000 angenommen wurde, wie wichtig es sei, die Erinnerung an jene selbstlosen Menschen zu bewahren, „die sich den Nazis widersetzten und manchmal gar ihr Leben ließen, um Opfer des Holocaust zu schützen oder zu retten“. Im Jahr 2007 unterzeichneten die Mitgliedsstaaten des Europarates eine Feierliche Hommage an die „Gerechten“ Europas. 2012 erklärte das Europäische Parlament den 6. März zum Europäischen Tag des Gedenkens an die Gerechten. Darüber hinaus wurden in den letzten zwei Jahrzehnten in mehreren Ländern Europas Gesetze und offizielle Feiertage eingeführt sowie staatliche Zeremonien zur Ehrung der nationalen Gerechten abgehalten.

Das Thema Judenrettung ist nicht nur von historischer Bedeutung, sondern hat auch im Bereich der politischen Bildung eine hohe Relevanz. Folgt man der These von Natan Sznaider und Daniel Levy, so ist die Entstehung der „kosmopolitischen Erinnerung“ in Bezug auf den Holocaust u.a. auf die Entwicklung des Menschenrechtsdiskurses und die damit einhergehende Universalisierung der Geschichte zurückzuführen. Vergangenheit wird danach zunehmend als ein Reservoir von Rollenmodellen (oder –Gegenmodellen) für die Gegenwart und Zukunft verstanden. In diesem Zusammenhang kann man auch die Konjunktur für das Thema „Gerechte“ betrachten, die sehr klare Vorbilder zu bieten scheinen. Die Erörterung der Dilemmas, mit denen die Helfer und die Hilfsempfänger konfrontiert waren, kann aber auch ein besseres Geschichtsverständnis schaffen und dazu dienen, gerade die schwierigen Fragen der Indifferenz, Mitbeteiligung und Bereicherung am Holocaust auf eine zugängliche Weise zu vermitteln. Darüber hinaus können die Rettungsgeschichten Dialog und Aussöhnung zwischen ehemals verfeindeten ethnischen oder religiösen Gruppen fördern.

Gleichzeitig lassen sich aber „die Gerechten“ auch leicht erinnerungspolitisch vereinnahmen. Mit der zunehmenden Fokussierung auf den Holocaust rückten in den 1990er Jahren auch Fragen der Kollaboration, Mitbeteiligung und Profitierung an und von dem Völkermord auch anderer Gesellschaften als der deutschen in den Vordergrund. In diesem Zusammenhang können Initiativen zur Ehrung der Gerechten auch als Versuche gedeutet werden die unbequemen Debatten zu neutralisieren.

Allerdings lässt sich die europa- oder gar weltweite Konjunktur für das Thema Gerechte nicht allein mit der aktuellen Erinnerungspolitik erklären. Eine entscheidende Rolle spielen dabei auch die Massenmedien. Ein zentrales Ereignis der Popkultur, das die Erinnerung an den Holocaust in Europa und den USA maßgeblich prägte, war der Kinostart von Steven Spielbergs Schindlers Liste (1993). Der Film wurde von vielen Millionen Menschen auf der ganzen Welt gesehen und lenkte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit nicht nur auf den Völkermord an den Europäischen Juden, sondern auch auf Menschen, die den Verfolgten halfen.

In dem Projekt wird  eine vergleichende Analyse von elf Museen in acht Ländern Europas unternommen, die in den letzten zwei Jahrzehnten errichtet wurden (zwei von ihnen befinden sich noch im Bau) und Menschen gewidmet sind, die während des Zweiten Weltkrieges Juden geholfen haben:

1)    Dimiter Peshev Museum in Kyustendil/Bulgarien (2002, Neugestaltung 2013)
2)    Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt in Berlin/Deutschland (2006)
3)    Gedenkstätte Stille Helden in Berlin/Deutschland (2008, Neugestaltung 2018)
4)    Staatliches Jüdisches Museum Gaon von Vilnius/Litauen (Dauerausstellung: Rescued Lithuanian Jewish Child Tells about Shoah, 2009)
5)    Žanis Lipke Memorial in Riga/Lettland (2012/13)
6)    Lieu de Mémoire au Chambon-sur-Ligon/Frankreich (2013)
7)    Tadeusz Pankiewicz Apotheke in Krakau/Polen (1983, letzter Umbau 2013)
8)    Żabiński Villa im Warschauer Zoo/Polen (2015)
9)    Ulma Museum der Polen die während des Zweiten Weltkrieges Juden gerettet haben in Markowa/Polen (2016).
10)    Villa Emma Nonantola Stiftung/Italien (Dauerausstellung Jewish Children of Villa Emma, 2001/2014, zurzeit im Umbau).
11)    Memorial of the Shoah and Oskar Schindler, Brněnec/Tschechische Republik (im Aufbau)

Hier werden  Museen als Medien nationaler Erinnerungskulturen betrachtet. Gleichzeitig wird versucht den Moment der Kristallisierung einer europäischen oder gar „kosmopolitischen“ Erinnerung an den Holocaust festzuhalten. Ausgehend von Sharon Macdonald’s These von der "Glokalisierung" der europäischen Erinnerung, also der „lokalen Überarbeitung globaler Muster“, steht das Ziel, die Auswirkungen medial tradierter Geschichtsbilder, sowie der Erinnerungspolitik der Europäischen Union und anderer europäischer und internationaler Akteure auf nationale und lokale Institutionen zu untersuchen. Auch der Einfluss globaler Trends in der Entwicklung historischer Museen und Ausstellungen, insbesondere von Holocaustmuseen und –Gedenkstätten soll in Betracht gezogen werden. Gleichzeitig wird  versucht die Eigenheiten der Gerechten-Narrative in den jeweiligen Museen zu erfassen. Im Fokus der Analyse steht dabei nicht nur die textuelle Ebene der Expositionen, sondern auch ihre Form oder – besser gesagt – die Frage, wie diese das Narrativ beeinflusst.


Teilprojekt 3

Die Ökonomie der Geschichtskultur

Bearbeiterin: Magdalena Saryusz-Wolska

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Seit dem memory boom in den 1990er Jahren gehören Arbeiten über den gesellschaftlichen und kulturellen Umgang mit der Geschichte zum akademischen Mainstream. Der Großteil der geisteswissenschaftlichen Erinnerungsforschung konzentriert sich auf semantische Analysen von kulturellen Repräsentationen. Betrachtet man bisherige Publikationen zu diesem Thema, so sticht eine Vielzahl an Analysen von literarischen Texten, künstlerischen Werken, politischen Ritualen und Gedächtnisorten ins Auge. Die Relevanz solcher Forschungen wird damit begründet, dass es sich beim kulturellen Gedächtnis um ein diskursives Phänomen handelt, das in einem Wechselverhältnis zur sozialen Realität steht. Es heißt also, Erinnerungsdiskurse seien wie Seismographen, die uns Einblicke in Wandlungen von Identitäten und gesellschaftlichen Ordnungen gewähren.

Bereits mehrfach hat es in der Vergangenheit seitens der Erinnerungsforschung Forderungen nach methodischen Innovationen gegeben, welche jedoch nur selten umgesetzt wurden. Hierzu zählen auch Vorschläge, sich stärker auf die Akteure und Institutionen der Erinnerungskultur zu konzentrieren. Wie diese Prozesse im Einzelnen aussehen, lässt sich in mikrohistorischen und mikrosoziologischen Fallstudien untersuchen. Das kulturelle Gedächtnis entsteht nämlich nicht aus dem Nichts: Es wird ‚gemacht‘ und ‚genutzt‘. In diesem Zusammenhang erscheint allerdings der Begriff der ‚Geschichtskultur‘ angemessener als die Kategorie der ‚Erinnerungskultur‘. Während ‚Erinnerungskultur‘ vor allem kulturelle Repräsentationen der Vergangenheit umfasst, bezieht sich ‚Geschichtskultur‘ – wie bereits Jörn Rüsen konstatierte – vorwiegend auf die gesellschaftliche Praxis in diesem Bereich.

Diesen Prämissen folgend, konzentriert sich das vorliegende Projekt auf die Herstellung und Nutzung der Geschichtskultur aus infrastruktureller und ökonomischer Perspektive. Methodisch orientiert sich das Vorhaben an den sog. ‚Science and Technology Studies‘ sowie den ‚Infrastructure Studies‘. Beide Ansätze konzentrieren sich auf die Bedeutung des materiell-technologischen Unterbaus für die Wissensproduktion. Analog dazu wird behauptet, dass die materiell-technologischen Faktoren die Produktion von geschichtsorientierten Praktiken ebenfalls prägen.

Der genaue Blick hinter die Kulissen der Verlage, Zeitungsredaktionen, Rundfunkanstalten sowie anderer geschichtskulturell relevanter Institutionen offenbart Abläufe, die aus der Ferne verdeckt bleiben. Sie können nicht mit hermeneutischen Verfahren aufgedeckt werden.  Zu diesen ‚unsichtbaren‘ Abläufen gehören u.a. Aspekte der Organisation und Finanzierung der Geschichtskultur. Die Identifizierung von einzelnen Akteuren und Institutionen wird erst durch eine strukturierte Analyse der Entstehungs- und Rezeptionsgeschichten von Geschichtsfilmen, Fernsehsendungen, Museen, Jubiläumsfeiern, Touristenführungen u.Ä. ermöglicht. Anders als in der öffentlichen Kommunikation geht es in internen Besprechungen oft um Infrastruktur- und Finanzfragen. Autor/innen, Redakteur/innen und Produzent/innen verhandeln Honorare, setzen Termine fest, planen Dienstreisen u.v.m. Insbesondere der kommerzielle Aspekt spielt eine prägende Rolle sowohl für Unternehmen wie Verlage, Filmproduktions- oder Eventfirmen als auch für öffentlich finanzierte Institutionen. Hinzu kommen bürokratische Prozesse, wie z.B. das Vergaberecht, die Ausschreibungsregeln oder Abrechnungstermine, die oftmals die Funktionsweise einzelner Projekte stark regulieren. In diesem Sinne wirken sich Ökonomie und Bürokratie nicht minder stark auf die Geschichtskultur aus als politische Richtlinien.

Angesichts der offensichtlichen Rolle des Geldes für die Geschichtskultur ist es verwunderlich, dass dieses Thema noch weitgehend unerforscht scheint. Die bevorzugte Herangehensweise ist hierbei sowohl synchron als auch diachron. Einerseits geht es um die strukturellen Bedingungen der ‚Ökonomie der Geschichtskultur‘, andererseits um ihre historische Entwicklung. Es handelt sich nämlich keinesfalls um ein junges Phänomen. Während in früheren Epochen Künstler, welche historische Motive in ihre Werke integrierten, von Mäzenen abhängig waren, übernahm in der Moderne der Markt die regulierende Rolle. Für die Bevölkerung waren die Teilnahme an öffentlichen Feierlichkeiten, das Betrachten von historistischen Gemälden oder die Anschaffung historischer Romane aus Gründen der räumlichen Distanz und hoher Preise oft unmöglich. Zum Verkauf standen indes Kupferstichreproduktionen mit entsprechenden Motiven, günstige Zeitungsromane, Jubiläumsmedaillen u.v.m. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen Fotografien von historischen Objekten oder Militärparaden hinzu, für die ebenfalls eine Nachfrage bestand. Im 20. Jahrhundert entwickelten sich weitere Medien der Geschichtsvermittlung rasant, doch – anders als die politischen Kontexte – sind die ökonomischen Aspekte dieses Wandels kaum erforscht. Selbstverständlich existieren fragmentarische Studien, die sich auf Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Erinnerungskultur konzentrieren, wobei diese in der Regel wirtschaftshistorischen Fragestellungen folgen.

Vertiefende Fallstudien können aussagekräftige Daten über die Kosten, Einnahmen und Regulierungen innerhalb der Geschichtskultur liefern. Um aus mikrohistorischen case studies allgemeinere Struktur- und Entwicklungsmuster herauszuarbeiten, muss ihre Auswahl genau durchdacht werden. Vielversprechend sind Beispiele aus mitteleuropäischen Ländern – darunter Polen – da diese Länder im Laufe des 20. Jahrhunderts von unterschiedlichen wirtschaftlichen Systemen geprägt waren. Die Entscheidungsmacht ausschließlich den politischen Instanzen zuzuschreiben, ist eine starke Simplifizierung. Selbst im Staatssozialismus spielte Geld eine wesentliche Rolle bei der Planung von Museumsprojekten, in der Filmproduktion oder der Kunstförderung. Nicht weniger aussagekräftig sind die Wandlungen der Geschichtskultur in Anbetracht der wirtschaftlichen Transformation auf der Schwelle zum 21. Jahrhundert.


Projekt "Euroskepsis"

Unter dem Titel „Europas Gegenbewegungen. Euroskeptische Verflechtungen von den Anfängen der Europäischen Integration bis heute“ schließen sich die drei Institute der Max Weber Stiftung in London, Rom und Warschau mit dem Hamburger Institut für Sozialforschung zusammen und ermöglichen so interdisziplinäre und transnationale Perspektiven auf ein europäisches Thema. Das Projekt erforscht eurokritische Stimmen seit den 1950er Jahren bis in die jüngste Vergangenheit. Denn nicht erst die Flüchtlingskrise und die Covid-19-Pandemie haben den europäischen Zusammenhalt auf eine große Probe gestellt. Vielmehr gingen die europäische Idee und die Skepsis gegenüber Europa von jeher Hand in Hand. Demensprechend ist weder ein Verständnis der Vergangenheit noch eine zukünftige Förderung von Zusammenhalt in Europa möglich, wenn nicht gleichzeitig die Skepsis gegenüber der europäischen Einigung in die Überlegungen mit einbezogen wird.


Das Projekt „Europas Gegenbewegungen. Euroskeptische Verflechtungen seit den Anfängen der Europäischen Integration“

Bearbeiterin: Beata Jurkowicz

Aus den regelmäßig geführten Forschungen ergibt sich, dass Polen in der großen Mehrheit positive Einstellung gegenüber der Europäischen Union haben. Aus der im November 2020 durchgeführten Umfrage für die Tageszeitung „Rzeczpospolita“ ergab sich, dass 81,8% Polen in einem Referendum für weitere Mitgliedschaft von Polen in der Europäischen Union hätten wählen wollen. Für den Austritt aus der EU erklärte sich 11% der Umgefragten (7,9% gab die Antwort: ich weiß nicht/ schwer zu sagen). Trotzdem sind euroskeptische Stimmen ein beständiger Element der polnischen politischen Debatte. Das Ziel der vorliegenden Analyse ist die Quellen des Europaskeptizismus zu erforschen. Aus diesem Grund wird das Umfeld der demokratischen Opposition in der Volksrepublik Polen in den 80-er Jahren des XX Jh. und der Einfluss verschiedener Oppositionsgruppen auf die polnische auswärtige Politik nach 1989 analysiert.

Die grundliegende Rolle spielten Politiker nach dem demokratischen Wandel in den 90-er Jaheren des XX Jh., die ihre politische Aktivität in der 1980 gegründeten Unabhängigen Selbstverwalteten Gewerkschaft „Solidarność“ (NSZZ Solidarność) und im nach Juni 1976 ins Leben berufenem Komitee zur Verteidigung der Arbeiter (KOR) angefangen hatten. Man sollte dabei betonen, dass die geopolitische Lage die Oppositionsaktivisten beeinflusste indem sie sich auf die inneren Problemen konzentriert hatten und die auswärtige Politik nicht ihre Priorität war. Dennoch um die Quellen des polnischen Europaskeptizismus unter den nach-„Solidarność“ Eliten zu diagnostizieren, wird die Stellung der NSZZ Solidarność in den Fragen der inneren wie auch auswärtigen Politik gründlich analysiert.An dieser Stelle sollte man beachten, dass die Opposition der Volksrepublik Polen in Bezug auf die Ideen sehr unterschiedlich war. Hingegen war die Kontestation des politischen und wirtschaftlichen Systems und der Abhängigkeit von der Sowjetunion das gemeinsame Element und zugleich das Verbindende. Die Oppositionsaktivisten gaben es in den Veröffentlichungen, die im zweiten Umlauf oder in den Emigrationsmedien herausgegeben wurden, zum Schein.

Zweifellos war die damalige Opposition von der Idee her durch die pariser Zeitschrift „Kultura“ geprägt – es war die unabhängige internationale Debatteplattform der Emigrationsintellektueller, in der Volksrepublik Polen tätigen Oppositionsaktivisten und aller deren die Werte wie Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Demokratie von Bedeutung waren. Gerade in der Zeitschrift „Kultura“ (Nr 10/409, Ausg. 1981) erschien zum ersten Mal das berühmte Essay von Jan Józef Lipski „Zwei Vaterländer – Zwei Patriotismen“ („Dwie ojczyzny – dwa patriotyzmy. Uwagi o megalomanii narodowej i ksenofobii Polaków). Der Autor betonte in seinem Essay das Bedürfnis der Versöhnung zwischen Polen, Deutschen und Ukrainern. Auf das Konzept von Jan Józef Lipski beriefen sich später die Urheber der auswärtigen Politik der III Republik Polen vor allem bezüglich der Bestrebungen Polens mit den euroatlantischen Strukturen integriert zu werden, die die vereinigte Bundesrepublik Deutschland im internationalen Maßstab unterstützte. Zweifellos Politiker, die in Handlungen zugunsten der Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union engagiert waren, waren gleichzeitig Befürworter der Kooperation mit Deutschland denn ihnen war es bewusst, dass der Weg in den Westen die Unterstützung der deutschen Regierung bedarf und beständige Instrumente der zweiseitigen Kooperation geschaffen werden müssen. Im Gegenteil Politiker, die gegen die Festigung der deutsch-polnischen Beziehungen waren, sprachen sich auch gegen die Integration mit der Europäischen Union aus. Ein ausgezeichnetes Beispiel dafür ist die Gestalt des Stettiner Oppositionsaktivisten Marian Jurczyk. Er war der Unterzeichner der Auguster Abkommen, nahm in der I Landesversammlung der Delegierten von NSZZ „Solidarność“ in Danzig teil, war der Mitglied der Landeskommission und später der Kritiker von Lech Wałęsa. Deshalb gründete er eine konkurrierende Organisation „Solidarność 80“. Wenn seine Oppositionskollegen in den 90-er Jahren des XX Jh. die Rahmen der polnischen auswärtigen Politik schufen und laut ihre euroatlantischen Inspirationen artikulierten, behandelte Jurczyk mit der Missbilligung die Bestrebungen Polens mit in die euroatlantischen Strukturen integriert zu werden. Er war ein Gegner die deutsch-polnische Kooperation zu vertiefen und am Ende seiner politischen Kariere trat er der Selbstverteidigung der Republik Polen, einer europaskeptischen Gruppierung, die Landwirte vereinigte, bei. Die Selbstverteidigung kritisierte den von der Leszek Millers Regierung ausgehandelten Akzessionsvertrag, darunter kein Verbot das anbaufähiges Boden an die Ausländer zu verkaufen.

Während der Auseinandersetzung mit dem Prozess der Versöhnung mit Deutschland kann die Rolle der katholischen Kirche als den Pionier des deutsch-polnischen Dialogs nicht außer Acht gelassen werden. Wobei das Episkopat anfangsweise skeptisch gegenüber der Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union eingestellt war, weil es die Verweltlichung der Gesellschaft und die Ablehnung der christlichen Werte befürchtete. Seine Einstellung gegenüber der europäischen Integration entfaltete sich erst in der zweiten Hälfte der 90—er Jahre des XX Jh. Nichtsdestoweniger waren viele katholische Geistliche immer noch gegen der EU und sammelten um sich antieuropäische Politiker, sowohl die, die ihre politische Aktivität in der Volksrepublik Polen angefangen hatten als auch die jüngeren Generationen.

Das Symbol der Teilung innerhalb der demokratischen Opposition aus den Zeiten der Volksrepublik Polen ist der Runde Tisch, also die Dialogplattform damaliger Macht, Opposition und der katholischen Kirche. Während der Debatten hoben sich die Unterschiede bezüglich der Gestaltung von der inneren und auswärtigen Politik Polens hervor. Doch die negativen Konsequenzen des politischen und wirtschaftlichen Wandels besiegelten diese Teilung. Am öftesten die Gegner der Rundtischabkommen – waren Politiker, die nicht an den Debatten teilnahmen oder ihre Rolle in damaligen Geschehnissen zu verleugnen versuchten. Sie hatten eine negative Einstellung gegenüber der Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union. Jedoch die Politiker, die die Debatten am Runden Tisch als Erfolg betrachten, sind auch positiv gegenüber den euroatlantischen Strukturen eingestellt und betonen das Bedürfnis der deutsch-polnischen Kooperation im Rahmen der EU und nicht nur.

Da das Ziel des Projekts ist den polnischen Europaskeptizismus zu erforschen, wird außerdem sowohl die Stellungnahme der Politiker von der demokratischen Opposition in der Volksrepublik Polen in den 80-er Jahren des XX Jh. betreffs der Rolle Polens in den internationalen Beziehungen als auch die Entwicklung ihrer Ansichten unter dem Einfluss, der am Runden Tisch getroffenen Entscheidungen und ihre Stellungnahme zur Richtung der auswärtigen Politik der Republik Polen analysiert. Es werden die Aussagen der Politiker in den Medien, die Programmdokumente von den Gruppierungen, die sie vertreten haben, politische Deklarationen und Ihre Auswirkung auf die Öffentlichkeit verglichen. Einer tiefgründigen Analyse werden die Quellen der Teilung der Opposition unter der Opposition selbst unterzogen, derer Verankerung die Folge der Rundtischabkommen gewesen ist.  

27
Sep
Tagung
Relacje i struktury władzy w mieście średniowiecznym i nowożytnym
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