CfP für die interdisziplinäre Konferenz "Space in Holocaust Research"

Hamburg, 23. – 26. März 2020
Veranstalterinnen: Janine Fubel (Berlin), Alexandra Klei (Hamburg/Berlin), Katrin Stoll (Warschau), Annika Wienert (Warschau)
Bewerbungsschluss: 31. Juli 2019

- English version below -

„Space in Holocaust Research“ ist die erste Konferenz in Deutschland, die „Raum“ als zentrale Kategorie der Holocaustforschung theoretisch und methodisch in den Blick nimmt. Ziel der Tagung ist es, einen Beitrag zur Etablierung einer interdisziplinären Holocaust-forschung zu leisten. Die viertägige internationale Konferenz findet als Kooperation zwischen dem Deutschen Historischen Institut Warschau und dem Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg statt. Das Programm umfasst Referate, themenbezogene Stadtrundgänge, eine literarische Lesung und eine Exkursion zur Gedenkstätte Sandbostel. Tagungsort ist Hamburg, Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Die Konferenz verbindet inter- und transdisziplinäre Diskussionen um einen „spatial turn“ mit aktueller Forschung zur Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust. Die daraus erwachsenen Fragestellungen und Erkenntnisse verschiedener Disziplinen sollen zusammen-geführt werden, um so eine fachübergreifende kritische Auseinandersetzung mit Begriffen und methodischen Zugängen zu ermöglichen. Eine solche Synthese steht bislang aus.
Das Sprechen von Räumen und Orten verschiedener Art ist mittlerweile fester Bestandteil der Beschäftigung mit der Geschichte und Nachgeschichte des Holocaust geworden, bevorzugt jedoch in einer metaphorisch-suggestiven Form. Demgegenüber sollen die Beiträge der Konferenz einzelne Räume analysieren (seien sie materiell oder immateriell, historisch, gegenwärtig oder imaginiert) und deren Produktion beziehungsweise Konstruktion untersuchen. Dabei wird Raum als prozessual und relational begriffen, als sozial hergestellt und sozial wirkmächtig. Die einzelnen Panels werden interdisziplinär besetzt und systematischen Schwerpunkten gewidmet sein.

Erbeten werden Beiträge, die eine kritische Reflexion der verwendeten Konzepte und Begriffe leisten. Folgende Themenfelder erscheinen hierfür besonders geeignet:

Die Historiografie des Räumlichen und die Räumlichkeit(en) der Historiografie

Die Geschichte des „spatial turn“ in der Holocaustforschung beinhaltet mindestens vier Aspekte, die in den Blick genommen werden können: die Rolle von Raum in früheren Forschungen zum Nationalsozialismus, die Bedeutung raumbezogener Wissenschaften im NS selbst, die Weiterentwicklung der Geografie des Forschungsfeldes nach 1989 und die Räume der Forschung, also Archive, Museen, Tat-, Ereignis- und Erinnerungsorte.

Neue Methoden in der Holocaustforschung nach dem „spatial turn“
Der Raum als Zugang zur Geschichte des Holocaust ist verbunden mit weiteren Kategorien, die notwendig räumlich zu denken sind und teilweise ebenfalls als „turns“ ausgerufen wurden, so der „material turn“, der „forensic turn“ oder neue Ansätze der Körperforschung. Wie beeinflusst die Wahl der Analysekategorie Raum die Entwicklung von neuen Forschungsmethoden in der Holocaustforschung? Welchen Beitrag leisten neu einbezogene Disziplinen? Zum anderen kann nach Methoden jenseits der etablierten wissenschaftlichen Zugänge gefragt werden.

Räumliche Praktiken

Der Holocaust lässt sich in eine Vielzahl räumlicher Praktiken unterteilen. Auf Seiten der Täter*innen handelt es sich in erster Linie um die Herstellung von (Gewalt-)Räumen. Bei ihrer Analyse ist zu beachten, dass Pläne nie exakt in eine (gebaute) Realität überführt werden können. Auf Seiten der Verfolgten handelt es sich einerseits um die (erzwungene) Nutzung und Aneignung dieser Räume. Andererseits sind sie als Produzent*innen realer und imaginierter Räume in den Blick zu nehmen. Hinzu kommen die räumlichen Praktiken der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften, die bislang wenig Beachtung in der Forschung gefunden haben.
Die grundsätzliche methodische Unterscheidung von Intention und Realisierung lässt sich auch auf die Analyse räumlicher Strategien von Gedenkstätten, Museen oder Denkmälern übertragen.

Landschaft als zentrale Konfiguration des Räumlichen

Der Begriff der Landschaft findet in vielen Studien zum Holocaust Verwendung. Er verbindet das historische Ereignis mit einem Raum und verweist auf Auswirkungen bis in die Gegenwart. Oftmals bleibt jedoch unklar, ob er als Metapher oder Analysekategorie eingesetzt wird. Eine kritische Auseinandersetzung mit Landschaft als kulturellem Konstrukt verspricht, das heuristische Potential des Begriffs deutlicher fassen zu können.

Räumliche Repräsentationen – Repräsentationen des Raumes
Das Verhältnis von Repräsentation und Raum lässt sich mindestens in dreifacher Perspektive untersuchen: Erstens stellt sich die Frage, wie räumliche Aspekte des Holocaust in verschiedenen Medien dargestellt werden. Zweitens lässt sich die räumliche Gestaltung von Holocaustrepräsentationen wie beispielsweise Denkmälern analysieren. Drittens kann diskutiert werden, wie Forschungsergebnisse mit Hilfe von Grafiken, Diagrammen oder Karten visualisiert werden.

Mikrogeschichte

Studien, die sich der Forschungsperspektive der Mikrogeschichte bedienen, sind besonders geeignet für eine Raumanalyse. Sie ermöglichen eine detaillierte Auseinandersetzung mit spezifischen Konstellationen, beispielsweise in einem Dorf, einem Stadtteil oder einem Lager. Welches sind die Orte, die mit dem Holocaust verbunden sind, wo sind sie gelegen und wie wurden bzw. werden sie wahrgenommen? Mithilfe einer mikrogeschichtlichen Perspektive können außerdem Erkenntnisse über den Alltag und das Handeln von Opfern, Täter*innen und der nicht-jüdischen Mehrheitsgesellschaften gewonnen werden.

Raum im Text
Die Frage nach dem Raum/dem Räumlichem im Text lädt zur Re-Lektüre von unterschiedlichen mündlichen und schriftlichen Zeugnissen ein, die vordergründig nicht (oder nicht in erster Linie) von Räumen handeln: Berichte von Überlebenden, Ermittlungs- und Justizakten, Täter*innendokumente, Texte auf Gedenktafeln, literarische, aber auch wissenschaftliche Texte können so neu in den Blick genommen werden. Daneben kann die Verwendung weitverbreiteter räumlicher Metaphern, wie beispielsweise Spurensuche, Zeitschichten, Aufdecken und Graben, untersucht werden.

Die Veranstalterinnen bitten um Abstracts mit Vorschlägen für einen 20-minütigen Beitrag auf Deutsch oder Englisch inklusive Titel und kurzen biographischen Angaben (insgesamt maximal zwei Seiten). Eine Sektion besteht aus 1-stündigen Führungen im Hamburger Stadtraum, um die Verbindung von Raum und Forschung in situ zu erproben. Auch hierfür können Vorschläge eingereicht werden.
Für beide Formen der Konferenzbeiträge bitten wir um Zusendung der Vorschläge an Alexandra.Klei@igdj-hh.de bis zum 31. Juli 2019. Bewerbungen von Doktoranden und Doktorandinnen sind ausdrücklich erwünscht. Das Tagungsprogramm wird im August bekannt gegeben. Um eine verbindliche Teilnahme für die Gesamtdauer der Konferenz wird gebeten.
Die Veranstalterinnen bemühen sich aktuell darum, eine Förderung für die anfallenden Kosten für Reise, Unterkunft und Verpflegung zu erhalten. Kinderbetreuung wird bei Bedarf ermöglicht. Der Tagungsort ist rollstuhlgerecht. Eine Veröffentlichung ausgewählter Beiträge ist geplant.

Ein ausführliches Konzeptpapier findet sich hier.

Folgende Wissenschaftler/innen haben ihre Teilnahme bereits bestätigt:
Prof. Dr. Tim Cole (University of Bristol), Dr. Zuzanna Dziuban (Universiteit van Amsterdam), Dr. Anna Hájková (University of Warwick), Dr. Elżbieta Janicka (Institut für Slawistik, Polnische Akademie der Wissenschaften, Warschau), Dr. Ulrike Jureit (Hamburger Institut für Sozialforschung), Prof. Dr. Dr. Judith Kasper (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Anne Kelly Knowles (University of Maine), Prof. Dr. Konrad Kwiet (Sydney Jewish Museum), Dr. des. Gintarė Malinauskaitė (Deutsches Historisches Institut Warschau, Außenstelle Vilnius), Dr. Hannah Pollin-Galay (Tel Aviv University).


Call for Papers Interdisciplinary Conference: Space in Holocaust Research
Hamburg, Germany, 23 – 26 March 2020
Organizers: Janine Fubel (Berlin), Alexandra Klei (Hamburg/Berlin), Katrin Stoll (Warsaw), Annika Wienert (Warsaw)
Deadline for applications: 31 July 2019


“Space in Holocaust Research” is the first conference in Germany devoted to the issue of space and the Holocaust. The aim of the organizers is to make a contribution to the establishment of interdisciplinary Holocaust research. The international four-day conference will take place in Hamburg. It is a co-operation between the German Historical Institute Warsaw and the Institute for the History of the German Jews in Hamburg. The programme comprises talks, walking tours on the relation of (urban) space, history, and memory as well as a field trip to the Sandbostel memorial site. Conference languages will be English and German.

The conference combines inter- and transdisciplinary discussions of a spatial turn in the humanities with recent research on the Holocaust and its legacy. Integrating various disciplines will enable a critical analysis of terms as well as theoretical and methodological approaches. The paradigm of space will allow for cross-disciplinary discussions on central issues of Holocaust research. Such a synthesis is still lacking.
While references to space, place and sites have become an integral part in works dealing with the history of the Holocaust and its legacy, a metaphorical way of speaking has predominated thus far. In contradistinction to this, the conference seeks to analyze the production and construction of space (material, immaterial, historical, current or imagined). Space is understood as a process and perceived in relational terms, as something that is socially produced and socially effective. The various panels will be interdisciplinary and devoted to key themes.
Contributions shall include methodological and theoretical reflections on the issue of how the category of space is applied in the respective study. The following key themes are considered particularly fruitful for such an analysis:

Historiography of the Spatial and the Spatialities of Historiography
The history of the spatial turn in Holocaust research comprises at least four aspects: the issue of space in research on National Socialism before the spatial turn; the significance of space-related science during National Socialism; the development of the geography of Holocaust research after 1989; the physical places of research, i.e. archives, museums as well as the sites of the crime, the events, and of memory.

New Methods and Approaches in Holocaust Research after the Spatial Turn
Using space as an approach to the history of the Holocaust might entail the use of other categories, which are to be conceptualized in terms of space and which have been referred to as turns. Cases in point are the ‘material turn’ and the ‘forensic turn’. New approaches in Holocaust research related to body culture studies and the anthropology of the body will also to be taken into consideration. What impact does the analytical category of space have on the development of new research methods? What specific contribution do new disciplines bring to the field of Holocaust studies? It may also be worth exploring methods beyond the established academic disciplines.

Spatial Practices

The Holocaust is characterized by a large number of spatial practices. When it comes to the perpetrators, the production of space is an essential practice. It needs to be taken into consideration that plans can never be converted exactly into a (material) reality as originally envisaged by the planners. As far as those persecuted by the Germans and their collaborators are concerned, the (forced) use and appropriation of spaces can be considered a specific practice. In addition to this, the victims produced their own real and imagined spaces. Spatial practices of members of the non-Jewish majority societies also need to be examined.
The distinction between intention and realization can also be useful for the analysis of spatial strategies of memorial sites, museums, monuments and other works of art.

Landscape as a Central Configuration of the Spatial
The term landscape is used in many studies concerning the Holocaust. It connects the historical event with a place and points to the lasting impact up to the present day. However, it often remains opaque whether the term is understood as a metaphor or a category of analysis. A critical reflection on landscape as a cultural construct provides a deeper understanding of its heuristic potential.

Spatial Representations – Representations of Space
The relation of representation and space can be examined from at least three perspectives: 1. The issue of how spatial aspects of the Holocaust are represented in various media and forms. 2. The issue of spatial forms of representation such as monuments. 3. The conference seeks to stimulate a discussion focusing on the question of how research findings are presented visually. Graphics, diagrams or maps ensure a particular form of spatializing.

Microhistory
Studies making use of the perspective of microhistory seem particularly apt for an analysis of space. They enable a detailed engagement with specific constellations in one particular space, for example in a village, a city or in a camp. What are the sites and places connected with the Holocaust, where are they situated and how were/are they perceived? A microhistorical perspective also permits insights into the daily lives of victims, perpetrators and the non-Jewish majority societies.

Space in a Text
The issue of space and the spatial can stimulate a re-reading of various oral and written testimonies: accounts of survivors, files of criminal proceedings, documents produced by the perpetrators, texts on memorial plaques. Thus, literary but also academic texts can be read and studied anew. Furthermore, the widespread use of spatial metaphors such as Spurensuche (search for traces), Zeitschichten (layers of time), unearthing and digging can be examined.

Applicants are requested to submit a proposal in the form of an abstract as well as a short biographical note (two pages maximum). The presentation should not exceed 20 minutes. One conference section will consist of a one-hour walking tours. You can also submit suggestions for a tour in Hamburg.
Please send your proposal to Alexandra.Klei@igdj-hh.de by 31 July 2019. We encourage doctoral students to apply. The conference programme will be published in August. We kindly ask all speakers to attend the entire conference.
We are currently applying for funding to cover the costs of the conference as well as the accommodation and travel costs. Childcare will be provided if necessary. The conference room is wheelchair accessible. Following the conference, we intend to publish a selection of the papers presented.

For further information on the analytical and conceptual framework see here.

The following speakers have confirmed their participation:
Prof. Dr. Tim Cole (University of Bristol), Dr. Zuzanna Dziuban (Universiteit van Amsterdam), Dr. Anna Hájková (University of Warwick), Dr. Elżbieta Janicka (Institut für Slawistik, Polnische Akademie der Wissenschaften, Warschau), Dr. Ulrike Jureit (Hamburger Institut für Sozialforschung), Prof. Dr. Dr. Judith Kasper (Goethe-Universität Frankfurt), Prof. Dr. Anne Kelly Knowles (University of Maine), Prof. Dr. Konrad Kwiet (Sydney Jewish Museum), Dr. des. Gintarė Malinauskaitė (Deutsches Historisches Institut Warschau, Außenstelle Vilnius), Dr. Hannah Pollin-Galay (Tel Aviv University).

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wrz
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