Christiane Brenner: Sexarbeit im Arbeiterstaat: Sozialistische Ordnung, Geschlechterverhältnisse und ‚Prostitution‘ in der Tschechoslowakei (1948-1989)
wt. 28.04.2026 | 17:00
Praga

Als sich die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei (KSČ) im Februar 1948 die Alleinherrschaft in der Tschechoslowakei sicherte, kündigte sie an, Prostitution überflüssig zu machen. In ihrem Buch „Sexarbeit und Sozialismus“, das 2026 bei De Gruyter/Brill erscheint, zeigt Christiane Brenner, wie der tschechoslowakische Staat zwischen 1948 und 1989 mit kommerziellem Sex umging. Es war kein Geheimnis, dass Prostitution auch in sozialistischen Zeiten existierte, obgleich sie für die Öffentlichkeit wenig sichtbar war. Propaganda und Praxis gegenüber dem ‚unsozialistischen‘ Phänomen Prostitution bieten instruktive Einblicke in Herrschaft und Alltag im sozialistischen Staat. Brenner rekonstruiert die disziplinierenden Effekte der staatlichen und gesellschaftlichen Beobachtung, Verfolgung und Bestrafung von Menschen, die sexueller Arbeit nachgingen. Diese schieden die Bevölkerung in eine ‚ordentliche‘ Mehrheit und einen ‚asozialen‘ Rand. Prostitutionspolitik war aber auch Genderpolitik, sie stabilisierte die Hierarchie zwischen den Geschlechtern. Das drängt die Frage auf, was an dieser Politik eigentlich sozialistisch war. Welche Wirkung hatte der ‚Kampf‘ der KSČ gegen Prostitution auf die Stabilität und die Glaubwürdigkeit der sozialistischen Ordnung?
Dr. Christiane Brenner ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Collegium Carolinum (München) und Redakteurin der Zeitschrift Bohemia. In ihren Forschungen widmet sie sich der Zeitgeschichte der Tschechoslowakei. Von 2019 bis 2023 war sie Mitarbeiterin im Sonderforschungsbereich 1369 „Vigilanzkulturen“ an der LMU München mit einem Projekt über Prostitution in der sozialistischen Tschechoslowakei. Aus diesem Projekt ist sowohl der gemeinsam mit Martin Schulze Wessel herausgegebene Sammelband: The Watchful Society. Gender, Sexuality, and the Body in Eastern European Socialism (Göttingen 2026) hervorgegangen als auch das Buch „Sexarbeit im Sozialismus: Sozialistische Ordnung, Geschlechterverhältnisse und ‚Prostitution‘ in der Tschechoslowakei“ (Berlin 2026), die erste umfassende Untersuchung zu diesem Thema überhaupt.
Venue: Valentinská 1, 3rd floor
Die „Prager Vorträge“ sind eine Kooperation der Prager Außenstellen des Deutschen Historischen Instituts Warschau, des Collegium Carolinum, sowie der Abteilung „Wissen und Partitipation“ des Leibniz-Instituts für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO), sowie deutsch-tschechischender gemeinsamen Forschungs- und Vermittlungsplattform mit der tschechischen Akademie der WissenschaftenGWZO prague FLÚ.