Der „Bergmensch“: Ontologisierung, Stereotypisierung, (Auto)stilisierung

Tagung

Mi. 04.11.2020 | 10:00 -
Fr. 06.11.2020 | 18:00 Uhr
Prof. Dr. Miloš Řezník
Polanica-Zdrój

Die diesjährige 8. Tagung „Gebirge – Literatur – Kultur“ widmet sich dem „Bergmenschen“. „Bergmensch“ ist kein anerkannter wissenschaftlicher Terminus, doch wird er gelegentlich in wissenschaftlichen Diskussionen genutzt und stellt sich dann  als eine expressive Metapher heraus, als Kombination der Begriffe „Berg“ und „Mensch“, die durch ihre Verbindung neuen Sinn hervorbringen: „Bergmensch“ steht für eine essentielle Einheit von Menschen und Bergen. Was genau diese Einheit umfasst, wandelt sich allerdings abhängig von Raum und Zeit, die Sinneinheit passt sich an sich verändernde Kontexte an.

Mit dem Tagungsthema „Der ‚Bergmensch‘ – Ontologisierung, Stereotypisierung, (Auto)Stilisierung“ knüpft die Tagung  an eine Diskussion an, die im vergangenen Jahr auf dem dem berühmten Alpinisten Andrzej Zawada gewidmeten 25. internationalen Ladek Mountain Festival in Lądek-Zdrój angestoßen wurde. Man ist zu dem Ergebnis gekommen, dass sich der Begriff „Bergmensch“ gerade aufgrund seiner schillernden Bedeutung eignen würde, die aktuellen Veränderungen im Alltagsleben und in der Alltagskultur zu beschreiben. Er reflektiert das wachsende Interesse am Gebirge, die Zunahme des Tourismus und der mit dem Raum verbundenen Extremsportarten, aber auch die Kommerzialisierung der mit den Bergen verbundenen Tätigkeiten. Ein „Bergmensch“ verknüpft sein Leben und sein Selbstverständnis mit den Bergen, er wählt einen Lebensstil, der mit häufigen Aufenthalten in den Bergen verbunden ist und setzt diesen mit einer essentiellen Abhängigkeit gleich. Er ontologisiert seine Entscheidungen zu Wesensbestimmungen. Diese Wesensbestimmung wurde „Gelegenheitsabhängigkeit“ genannt, womit ausgedrückt werden sollte, dass die Wahrnehmung von Wahl als Notwendigkeit die Identifikation mit den Bergen zu spezifischen Persönlichkeitsmerkmalen macht Zu den „Bergmenschen“ könnten zum Beispiel passionierte Touristen oder Bergsteiger gezählt werden. Manchmal knüpfe das Selbstbild der „Bergmenschen“ auch an das traditionelle Lebensmodell der Bergbewohner an, baue aber durch die Stereotypisierung der Bergbewohner eigene Vorstellungen auf. Zu den Stereotypen der „Bergmenschen“ gehören Hirten, Hirtenjungen, Jäger und Bergführer, interessanterweise jedoch nicht Bauern. Der Begriff „Bergmensch“ beziehe sich, so das Fazit der Diskussion, auf unterschiedliche Personen, die in irgendeiner Weise die Nutzung des Gebirgsraums stilisieren und so sowohl die autochthonen Bergbewohner, die mit den schwierigen Klimaverhältnissen ringen müssen, zugleich aber im Einklang mit der Natur leben, als auch die Entdecker und Touristen, die die Berge als Raum für ihre Aktivitäten wählen, aufwerte.

Mit unserer Konferenz möchten wir an die Diskussionen auf dem Festival anknüpfen, um Ontologie und Historizität des Begriffs „Bergmensch“ zu ordnen und die dahinterstehenden Phänomene im historischen, kulturellen, psychologischen und soziologischen Forschungskontext zu verankern.

Veranstalter:

Geisteswissenschaftliche Forschungsstelle für Studien der Bergproblematik am Institut für Polnische Philologie der Universität Wrocław

Deutsches Historisches Institut Warschau

Leibnitz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa (GWZO)

 

 

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30
Sep
Tagung
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