Ota Konrád (Prag): Geschichte ohne Geschichte? Wie man die Geschichte der häuslichen Gewalt in der Moderne schreibt und erforscht
Di. 02.06.2026 | 18:00
Warschau

Dieser Vortrag konzentriert sich darauf, wie Historiker:innen häusliche Gewalt in Gesellschaften untersuchen können, in denen dieses Phänomen keine spezifische Bezeichnung, keine rechtliche Kategorie und keinen klaren Platz in den Archivunterlagen hatte. Ausgehend von aktuellen Forschungen zur Geschichte der häuslichen Gewalt in der Tschechoslowakei und im Westdeutschland der Nachkriegszeit behandelt der Vortrag häusliche Gewalt als sozio-historisches Phänomen. Der Vortrag fragt, wie individuelles Leid innerhalb einer bestimmten Gesellschaft in eine gesellschaftlich anerkannte Realität umgewandelt werden konnte – oder warum dies nicht möglich war.
Anstatt häusliche Gewalt lediglich als ein „verborgenes” Problem der Geschichte zu behandeln, konzeptualisiert der Vortrag sie als einen Zustand historischer Nicht-Historizität. Es handelt sich um eine Praxis, die sich über Kategorien wie Alkoholismus, Familienkonflikte, moralische Abweichungen und soziale Pathologie erstreckt. Sie ist auch fragmentiert in Polizeiakten, medizinischen Berichten, Sozialakten und Gerichtsentscheidungen. Der Vortrag konzentriert sich auf methodologische Fragen der Quellenarbeit und der kritischen Lektüre von „aufgezwungenen Narrativen”. Gleichzeitig befasst er sich gleichzeitig mit den epistemologischen und ethischen Problemen der Anwendung zeitgenössischer Konzepte auf die Vergangenheit.
Der Vortrag entwickelt einen akteursorientierten Ansatz weiter, der Opfer als historische Akteure betrachtet, die unter eingeschränkten Bedingungen nach Kommunikationsräumen und Wegen zur Gerechtigkeit suchen, und nicht nur als Produkte sozialer Strukturen. Durch einen symmetrischen Vergleich sozialistischer und kapitalistischer Gesellschaften jenseits des Eisernen Vorhangs hinterfragt der Vortragende lineare Narrative von Modernisierung und Fortschritt und zeichnet sich wandelnde Konfigurationen alltäglicher Machtverhältnisse nach. Letztlich zeigt der Vortrag, dass die Geschichte der häuslichen Gewalt ein reichhaltiges Feld für die Untersuchung der Schnittstelle zwischen politischen Regimes, sozialen Normen und Intimleben im Europa der Nachkriegszeit darstellt.
Ota Konrád ist Professor für Neuere Geschichte an der Karlsuniversität in Prag. Im Jahr 2021 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Universität München. Seine Forschungsinteressen umfassen die Geschichte der Außenpolitik, di eGeschichte des Ersten Weltkriegs in Mitteleuropa, die Kulturgeschichte der Gewalt und sie zeitgenössische österreichische Geschichte. In seinem aktuellen Forschungsprojekt konzentriert er sich auf häusliche Gewalt und ihre Zusammenhänge in Westdeutschland und der Tschechoslowakei nach 1945 als Instrument zur Analyse der komplexen sozialen und politischen Nachkriegsrekonstruktion.
Vortragender: Ota Konrád
Moderation: Prof. Piotr Majewski
Wir laden herzlich zum öffentlichen Dienstagsvortrag in Warschau ein. Am 02. Juni 2026 referiert Ota Konrád (Prag) zum Thema: Histories without History? How to Write and Research the History of Domestic Violence in the Modern Era
Veranstaltungsort: Warschauer Universität (Uniwersitet Warszawski, Sala A, Wydział Historii)
Partner: Wydział Historii Uniwersytetu Warszawskiego
Vortragssprache: Englisch