Prof. Dr. Michael Gehler (Hildesheim): Von der Teilung des Kontinents zur Westintegration Europas 1945-1991. Die Marktlogik als Ausdruck politischer Zweckrationalität

Vortrag

Di. 24.11.2020 | 14:00 Uhr
Warschau

Unter „Westen“ werden in diesem Beitrag Großbritannien, die Vereinigten Staaten und die Länder Westeuropas verstanden. Der Begriff „Klein-Europa“ bzw. „Klein-Europäer“ taucht in der Gründungsphase der „Sechser-Gemeinschaft“ der EWG eher in verächtlich machender Weise aus Sicht der „non six“ auf, die sich durch Ausschluss bzw. Selbstausschluss gezwungenermaßen auf eine ebenfalls kleine Freihandelszone (EFTA) einlassen. Das Konzept Macmillans von einer Großen Freihandelszone für Westeuropa war 1958 an der Ablehnung de Gaulles gescheitert. Der Europarat (1949) stand zwar für ein größeres Europa, das aber nicht Gesamteuropa repräsentierte.

Während im Londoner Exil (1939-1945) gesamteuropäische Vorstellungen und in den ersten Nachkriegsjahren (1945-1948) noch solche von einem Europa als „dritte Kraft“ vorhanden waren, deuteten sich gleichzeitig mit Churchills Reden in Fulton und Zürich (1946) sowie mit jenen von Truman in Washington und Marshall in Cambridge (1947) Vorentscheidungen des Westens für ein westeuropäisches Kerneuropa an. Eine Schlüsselrolle spielten die Westalliierten und ihr kongenialer Mitstreiter Adenauer mit der Vorentscheidung von 1948, einen westdeutschen Staat aus der Taufe zu heben. Die Vorgänge in der SBZ (1946) und die Berlin-Blockade (1948/49) erwiesen sich dabei als förderlich. Mit der Ablehnung der Stalin-Noten (Friedensvertrag für ein neutrales und geeintes Deutschland), der Begründung der Montanunion (1952), dem Beitritt der BRD zur NATO (1955) und den Römischen Verträgen (1957) ist die Formation Westeuropas sowie damit auch der Ausschluss Mittel- und Osteuropas und die Teilung Europas vollzogen. In der Entscheidungsphase (1948-1955) spielten Geheimtreffen westeuropäischer Christdemokraten im „Genfer Kreis“ vorbereitend und wegbegleitend eine wichtige Rolle.

Prof. Mag. Dr. Michael Gehler ist Leiter des Instituts für Geschichte an der Universität Hildesheim, Jean-Monnet Chair und korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Geschichte Tirols und Südtirols, Österreichs, Deutschlands, Europas und der Imperien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit internationalen Beziehungen unter besonderer Berücksichtigung der europäischen Integration und der transnationalen Parteienkooperation. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen: Imperien und Reiche in der Weltgeschichte, 2 Bde. (2014), gem. m. Robert Rollinger; The Revolutions of 1989. A Handbook (2015), gem. m. Wolfgang Mueller und Arnold Suppan; Welthistorische Zäsuren 1989–2001–2011 (2016), gem. m. Michael Corsten und Marianne Kneuer; Europa und die deutsche Einheit (2017), gem. m. Maximilian Graf; sowie Europa. Ideen – Institutionen – Vereinigung – Zusammenhalt (2018).

Diese Veranstaltung findet im Rahmen der DHIW-Reihe "Dienstagsvorträge" statt und ist Teil der Konferenz "Zweierlei Neuanfang. Das Ende des Zweiten Weltkriegs in West und Ost - Demokratisierung versus Stalinisierung" (23.11.-28.11.2020).

Veranstaltungsflyer

Über den folgenden Link gelangen Sie zum aktuellen Dienstagsvortrag. Er wird fünf Minuten vor Veranstaltungsbeginn freigeschaltet: us02web.zoom.us/j/89671841520 {Meeting ID 896 7184 1520)
Bitte beachten Sie, dass der Vortrag aufzeichnet wird. 

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