Prof. Dr. Philipp Ther (Wien): Frei gespielt. Haydn, Mozart, Beethoven und die Resozialisierung der habsburgischen Aristokratie

Vortrag

Di. 27.09.2022 | 18:00 Uhr
Warschau

Der Vortrag zeigt am Beispiel der „großen Drei“, wie sich professionelle Komponisten am Ende des 18. Jahrhunderts vom Korsett der adeligen Patronage frei spielten. Der Wegbereiter dieses sozialen und künstlerischen Emanzipationsprozesses war Joseph Haydn, der im Mittelpunkt des Vortrags steht. Ihm gelang es im Lauf seiner Karriere am Hof der Fürsten Esterhazy, seine Dienstpflichten immer mehr abzuschütteln und sich durch seinen internationalen Ruhm ab 1790 als freier Komponist zu etablieren. Der aufsässige Mozart ging weniger rational vor und stand auch daher im Schatten seines Freunds und Förderers. Allerdings belegt seine Laufbahn ebenso den rasanten sozialen und künstlerischen Wandel seiner Zeit und heizte den Wettbewerb zwischen Wien und Prag als Musikmetropolen an. Das Ziel, den Weltstar Haydn in Wien zu halten, veränderte die Förderpraktiken des hohen Adels des Habsburgerreiches. Davon profitierte nicht zuletzt Beethoven, der sich selbstbewusst als freier Künstler inszenierte. Um diese soziale und musikalische Transformation zwischen 1780 und 1815 zu verstehen, ist es wichtig, Haydn, Mozart und Beethoven nicht als Vertreter der „Wiener Klassik“ zu betrachten, sondern als zeitgenössische und phasenweise avantgardistische Komponisten. Der Vortrag wird von Musikbeispielen begleitet.

Philipp Ther ist Professor für Geschichte Ostmitteleuropas an der Universität Wien und leitet dort das Research Center for the History of Transformations (RECET). Neben seinen Schwerpunkten in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und der Migrationsgeschichte befasst er sich mit Musikgeschichte im 19. und 20. Jh. Zu seinen Publikationen in diesem Bereich gehört u.a. Center Stage: Operatic Culture and Nation Building in 19th Century Central Europe (Purdue UP, 2014; tschechisch 2008, dt. 2005). Für sein vielfach übersetztes Buch Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa (Berlin: Suhrkamp, 2014) wurde er mit dem Sachbuchpreis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

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