Prof. Grischa Vercamer (Passau): (Nicht-)Inszenierung von Religiosität bei spätmittelalterlichen Herrschern in bayerischen, böhmischen und österreichischen Chroniken
Di. 07.10.2025 | 17:00
Prag

(Nicht-)Inszenierung von Religiosität bei spätmittelalterlichen Herrschern in bayerischen, böhmischen und österreichischen Chroniken
Fromme Herrschaftshandlungen, das Zeigen von Gottesfurcht und Demut zeichneten den christlichen Fürsten im Mittelalter aus. Derartige Inszenierungen wurden in religiös aufgeladenen Zeremonien (z. B. Krönungen, Hochfesten, Hochzeiten) publikumswirksam evoziert. Die bisherige Forschung ist sich bezüglich der Bedeutung einer gelebten fürstlichen Religiosität für die herrschaftliche Legitimation einig.
Geradezu konträr dazu fällt der Befund in spätmittelalterlichen historiographischen Werken aus, die als Quellengruppe ihrerseits einen zentralen Platz in der mediävistischen Forschung einnehmen: Der Fürst wird in Chroniken zwar des Öfteren stereotyp mit Attributen wie christianissimus oder frum (fromm) versehen, aber diese Zuschreibungen werden kaum mit konkretem Inhalt gefüllt. Überhaupt fällt auf, wie selten in diesen Werken von Frömmigkeit und Religiosität gesprochen wird. Bestimmte Stationen während eines Fürstenlebens (Geburt/Taufe, Hochzeit, Krönung, besondere Siege/Niederlagen, Pilgerreisen) wären für solche Inszenierungen eigentlich prädestiniert – aber erstaunlich oft werden diese ‚narrativen Chancen‘ ausgelassen. Wenn doch hier und da in den Chroniken religiöse Handlungen des Fürsten dargestellt werden, geht es meist um ostentative, politische Frömmigkeit, d.h. die gezeigte fürstliche Religiosität war letztlich Mittel zum Zweck.
Dieser Befund wird im Rahmen eines größeren Forschungsprojekts auf der Quellengrundlage von ca. 30-40 bayerischen, böhmischen und österreichischen spätmittelalterlichen Chroniken systematisch untersucht. Im Vortrag soll das methodische Vorgehen vorgestellt sowie anhand von prägnanten Beispielen verdeutlicht werden.
Grischa Vercamer studierte Geschichte, Germanistik und Archäologie an der TU und HU Berlin sowie an der University of Edinburgh und arbeitete von 2004 bis 2007 als Doktorand und Lehrbeauftrager an der FU Berlin. Weitere Stationen seiner Karriere sind unter anderem: 2008-2014 Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Mittelalterliche Geschichte am Deutschen Historischen Institut Warschau; 2010-2018 Lehrbeauftragter an der Europa-Universität Viadrina; 2014-2016 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der FU und HU Berlin (projektbezogen/Mittelalterliche Geschichte); 2017-2019 Akademieprofessor / Forschungsprojektleiter am Institut für Geschichte der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau (Marie-Skłodowska-Curie-Action); 2019-2024 Vertretungsprofessuren in Passau und Chemnitz, seit Jan. 2025 Inhaber des Passauer Lehrstuhls für Geschichte der ost- und mitteleuropäischen Kulturen im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit und Heisenbergprofessor.
7. Oktober 2025, 17:00 Uhr
Veranstaltungsort: Valentinská 1, 3. Stock