17. Lelewel-Gespräch. Gegenläufige Geschichtsschreibung? Polnische und deutsche historiographische Perspektiven auf den Zweiten Weltkrieg

Joachim-Lelewel-Gespräch

Mi. 12.12.2018 | 18:00 Uhr
Christhardt Henschel
Warschau

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen hat die zeithistorische Forschung in Polen und Deutschland so stark bestimmt wie kein anderes Ereignis. Die Perspektiven auf die Jahre 1939–1945 waren dabei in den Fachdiskursen beiderseits der Oder nie kongruent, da sie selbstverständlich von diametral unterschiedlichen Ausgangspunkten argumentierten: Während im deutschen Fall – ob unausgesprochen oder explizit – die Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Besatzer und Täter die Forschung bestimmte, ging die polnische Forschung vornehmlich von der Erfahrung des Verlusts der staatlichen Souveränität und der besetzten Gesellschaft aus. Politische, institutionelle und sprachliche Barrieren erschwerten zudem für lange Zeit den Austausch der Fachhistoriker in beiden Ländern. Spätestens seit 1989 intensivierten sich indes die Kontakte zwischen Zeithistorikern, und es wurden zahlreiche Debatten über die deutsche Besatzung, den Holocaust und die Beziehungen zwischen Deutschen, Polen und Juden im Krieg sowie unmittelbar danach geführt. Mittlerweile beteiligen sich daran nicht nur professionelle Historiker und Zeitzeugen, sondern auch zahlreiche Akteure aus Politik, Medien und Kultur.

Angesichts des aktuellen diskursiven Vielklangs soll sich das Lelewel-Gespräch auf die derzeitige wissenschaftliche Erforschung des Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzung konzentrieren. Ausgeleuchtet und problematisiert werden sowohl inhaltliche, als auch methodische und institutionelle Entwicklungen der letzten Jahre. Es wird die Frage gestellt, welche Besonderheiten und Schwerpunkte in Zugängen und Erkenntnisinteressen derzeit die Arbeit von Historikern und anderen Wissenschaftlern bestimmen. Dabei werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Forschung in Polen und Deutschland aufgezeigt,  aber auch Schnittstellen und Austauschkanäle benannt. Im Blickpunkt stehen dabei ebenfalls methodische und konzeptuelle Aspekte, sowie die Frage nach der Einbettung und Anschlussfähigkeit beider Historiographien in und an die internationale Weltkriegsforschung.


Es diskutieren:
Daniel Brewing, RWTH Aachen
Edyta Gawron, UJ Krakau
Joanna Ostrowska, Warschau
Claudia Weber, Viadrina Frankfurt
Rafał Wnuk, KUL Lublin

Moderation:
Christhardt Henschel, DHI Warschau

 

Dr. Daniel Brewing ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der RWTH Aachen. Seine Dissertationsschrift erschien unter dem Titel Im Schatten von Auschwitz. Deutsche Massaker an polnischen Zivilisten 1939-1945 (Darmstadt 2016). In einem neuen Forschungsvorhaben untersucht er die Imagination vom „guten Soldaten“ im militärischen und zivilen Diskurs in den USA (ca. 1861-1973).

Dr. Edyta Gawron ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Judaistik der Jagiellonen-Universität Krakau und spezialisiert auf die jüdische Zeitgeschichte. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Lokalgeschichte (Krakau, Włoszczowa), der jüdischen Diaspora und der Geschichte und Rezeption des Holocausts. Sie ist u.a. Autorin der Studie Vlotsheve. Żydzi we Włoszczowie w latach 1867-1942 (Włoszczowa 2000).

Dr. Joanna Ostrowska legt als Historikerin ihren Schwerpunkt auf Gender Studies und jüdische Geschichte. Besonders widmet sie sich in ihren Forschungen der Verfolgung sexueller Minderheiten unter der Herrschaft der Nationalsozialisten sowie der sexuellen Gewalt im Zweiten Weltkrieg. Zuletzt erschien die Monographie Przemilczane. Seksualna praca przymusowa w czasie II wojny światowej (2018).

Prof. Dr. Claudia Weber ist Professorin für Europäische Zeitgeschichte und Vizepräsidentin für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). Einer ihrer Forschungsschwerpunkte liegt auf der Gewalt- und Diktaturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Unter anderem veröffentlichte sie die Monographie Krieg der Täter. Die Massenerschießungen von Katyń (Hamburg 2015). Als Leiterin des Viadrina Center B/Orders in Motion bearbeitet sie derzeit auch ein Forschungsprojekt zu „Ambivalenzen der Europäisierung“.

Prof. Dr. Rafał Wnuk ist Inhaber des Lehrstuhls für die Geschichte und Historiographie Osteuropas an der Katholischen Universität Lublin. Als Experte für die polnischen Kresy beschäftigte er sich vor allem mit dem organisierten antikommunistischen Widerstand während des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit. Zuletzt erschien seine Studie Leśni bracia. Podziemie antykomunistyczne na Litwie, Łotwie i w Estonii 1944-1956 (Warszawa 2018) über den bewaffneten antikommunistischen Untergrund in den drei baltischen Staaten.


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