Patriotisches Engagement als Umschwung? Birgitta Bader-Zaar zur Entwicklung des Frauenwahlrechts in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie

Vortrag

Mo. 03.12.2018 | 13:51 Uhr

Mit ihrem Vortrag zum Thema „Demokratisierung und Geschlecht 1918-1921: Die Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie im europäischen Kontext“ eröffnete Ass.-Prof. Dr. Birgitta Bader-Zaar am vergangenen Dienstag die Tagung „Gender and the State – 100 Years of the Fight for Equality in Central-Eastern Europe“. Gleichzeitig fand die Veranstaltung im Rahmen der Dienstagsvorträge des DHI Warschau statt.

Unter Berücksichtigung unterschiedlicher historischer und politischer Quellen gab die Historikerin einen umfassenden und detaillierten Einblick in die Entwicklung des Frauenwahlrechts in den ersten Nachkriegsjahren. In ihrer Argumentation analysierte sie die Situation in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie, setzte sie in Bezug zu anderen europäischen Staaten dieser Zeit und fragte in diesem Zusammenhang auch nach Kontinuitäten und deren Bedeutung für das Frauenwahlrecht. Den Schwerpunkt legte sie auf die europäische Perspektive und stellte insbesondere die verschiedenen Partizipationsmöglichkeiten von Frauen im Rahmen von politischen Vereinen, Parteien und nationalen Parlamenten vor.  Die Nachkriegsjahre bezeichnete sie dabei als bedeutende Zäsur im Hinblick auf die Entwicklung des Frauenwahlrechts.

Im Verlauf ihres Vortrags nahm sie Bezug auf die unterschiedlichen Frauenbewegungen und die Rolle der Frau während des Krieges und danach, welche sich durch das neu erworbene Recht zur politischen Partizipation deutlich wandelte. Dieses Recht sei einem Großteil der Frauen – teils durchaus unerwartet – aufgrund ihres patriotischen Engagements in der Kriegshilfe zugesprochen worden. Es sei, so Bader-Zaar, als Chance gesehen worden, ihre Loyalität zu beweisen und sich als unverzichtbaren Teil der Gesellschaft zu präsentieren, und habe somit in Bezug auf das Frauenwahlrecht einen nicht unerheblichen Beitrag geleistet. Obgleich diese Sichtweise insbesondere von Sozialdemokraten kritisiert worden sei, könne der Patriotismus dennoch als Basis für den Ausbau der Frauenrechte in der Politik gesehen werden, so die Historikerin.

Nach einer detaillierten Einführung in das vielschichtige Thema stellte sie die Entwicklung des Frauenwahlrechts in den einzelnen Staaten heraus und beleuchtete u.a. die Situation in Polen, Österreich und der Tschechoslowakei. Auch hier unterstrich sie den besonderen Einfluss von Frauenorganisationen und nationalistischen Gedanken auf den Ausbau der politischen Partizipation von Frauen. Gleichzeitig machte sie auf die starken Abhängigkeiten der Frauen(bewegungen) von etablierten Männerinstitutionen aufmerksam, sowie auf Schwierigkeiten, mit denen sich Frauen in politischen Ämtern konfrontiert sahen.

In ihrem Fazit wies die Historikerin schließlich deutlich auf die großen Forschungslücken in diesem Themenbereich hin und betonte, dass die Auswertung entscheidender politischer Quellen – insbesondere zu Wahlpraxis und -Ablauf – noch immer fehle, was eine umfassende Analyse der Entwicklung des Frauenrechts in den Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie nahezu unmöglich mache.

Die in der anschließenden Diskussion angesprochenen Themen Emanzipation, Nationalbewusstsein und damit verbundene (inter)nationale Reaktionen wurden auch im Rahmen der sich anschließenden dreitägigen Konferenz „Gender and the State - 100 Years of the Fight for Equality in Central-Eastern Europe“ thematisiert, die das DHI Warschau gemeinsam mit der Universität Warschau und der Polnischen Akademie der Wissenschaften organisiert hatte.

Ass.-Prof. Mag. Dr. Birgitta Bader-Zaar studierte Ethnologie und Geschichte in Wien und Minnesota. Seit 2001 lehrt und forscht sie als Assistenzprofessorin am Institut für Geschichte der Universität Wien. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie die Rechts- und Verfassungsgeschichte Europas und Nordamerikas in der Neuzeit.

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