Bericht aus der belagerten Stadt Tschernihiw

„Ich hatte vorher überhaupt keine Erfahrung mit Geflüchteten, aber die Ukrainerinnen und Ukrainer, die nach Polen geflüchtet sind, bewundere ich sehr”. Mit diesen Worten eröffnete Institutsdirektor Miloš Řeznik die Fotoausstellung in der Warschauer Wirtschaftshochschule SGH, mit der sie gemeinsam organisiert wurde. Unter dem Titel „Bericht aus der belagerten Stadt Tschernihiw“ zeigt sie Aufnahmen der Zerstörung durch die russische Aggression in der Ukraine im Frühjahr 2022. Die Eröffnung wurde von Auftritten des Vokalensembles Vilni Wolne begleitet, das aus ukrainischen Frauen besteht, die nach dem 24. Februar 2022 nach Polen flüchteten.

Das Quellenmaterial der Ausstellung sind Fotografien von Valentyn Bobyr und Vladislav Savenok. Die Fotografen hielten die ersten Kriegstage in Tschernihiw fest, einer 300.000-Einwohner-Stadt nahe der belarussischen und russischen Grenze. Die Stadt spielte eine strategische Rolle bei der Verteidigung von Kiew, da sie die ukrainische Hauptstadt von Osten und Nordosten her blockierte. Trotz wiederholter Versuche gelang es den russischen Truppen nicht, die Verteidigungsanlagen um die Stadt zu durchbrechen und weiter vorzurücken. Derzeit werden in der Stadt, die langsam wieder zum Leben erwacht, Verluste in Milliardenhöhe dokumentiert. Über 600 km Straße und 16 Brücken und zahlreiche Wohngebäude wurden in der Region Tschernihiw zerstört, wodurch die Einwohnerinnen und Einwohner vor einer humanitären Katastrophe standen. In der Ausstellung sind Menschen, zerbombte Wohngebäude, Bildungs- und Sporteinrichtungen, Kulturgebäude und den Sitz der örtlichen Verwaltung zu sehen.

Wie SGH-Rektor Piotr Wachowiak erklärte, zeigen die in der Ausstellung präsentierten Fotos, wie viel noch zu tun ist, um die Ukraine nach den Zerstörungen wieder aufzubauen. Für den Wiederaufbau des Landes sei an der Wirtschaftshochschule auf Initiative einer Gruppe von Studenten und Doktoranden hauptsächlich ukrainischer Herkunft, bereits ein detaillierter Bericht mit Empfehlungen erstellt worden.

Die Frage des Wiederaufbaus kultureller Stätten nach den Zerstörungen des Krieges war auch Gegenstand einer Debatte zur Finisage der Fotoausstellung. In der Diskussion „(Od)budowa Ukrainy. Oczekiwania i perspektywy kulturowo-historyczne” („(Wieder) Aufbau der Uraine. Erwartungen und kulturgeschichtliche Perspektiven), die von Ruth Leiserowitz (DHIW) moderiert wurde, nahmen die Koautoren des oben genannten Berichts, Yuliia Metalnikova, Olena Voss und Justyna Napiórkowska (Kunsthistorikerin) sowie die Stipendiatinnen des Programms Forschungsperspektive Ukraine: Alena Bagro und Anastasia Bozhenko teil.

Die Ausstellung mit Fotos von Valentyn Bobyr und Vladyslav Savenok wurde im Rahmen des Projekts „Forschungsperspektive Ukraine” vorbereitet und von Stipendiat Volodymyr Pylypenko initiiert. Das Stipendienprogramm fördert seit April 2022 ukrainische Forschende, die ihrer Arbeit in ihrem Heimatland nicht mehr nachgehen können. Die Ausstellung wurde in Zusammenarbeit mit der Warschauer Wirtschaftshochschule SGH organisiert, zum Kuratorenteam gehörten Kinga Wołoszyn-Kowanda und Beata Jurkowicz vom DHI Warschau.

Bis Mitte Juni 2023 sind die Bilder nun im Zentrum für französische Kultur und frankophone Studien der Universität Warschau zu sehen.

23
May
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