Deutsche Zivilverwaltung im besetzten Polen

Die zeitweise vergriffene Studie von Bogdan Musial „Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement. Eine Fallstudie zum Distrikt Lublin 1939-1944“ ist in zweiter Auflage erschienen.

Die in der Reihe „Quellen und Studien“ des Deutschen Historischen Instituts in Warschau im Harrassowitz Verlag publizierte Monographie untersucht minutiös die Rolle der deutschen Zivilverwaltung und deren Motive bei der Judenvernichtung im Generalgouvernement. In der Historiographie des Holocaust wurde dieser Aspekt nur sehr wenig erfasst und die bisherigen Forschungen konzentrierten sich vorwiegend auf die Verantwortung des SS- und Polizeiapparates für den Mord an den Juden. Bogdan Musial zeigt dagegen auf einer sorgfältig recherchierten breitenQuellenbasis, dass die meisten Angestellten der deutschen Zivilverwaltung dem SS- und Polizeiapparat bei der Organisation und Durchfürung der Judenvernichtung im General Gouvernement einmüig geholfen haben und ohne ihr aktives Engagement der Judenmord „in dieser Dimension und in so kuzer Zeit undurchfürbar gewesen wäre.“

Die Studie analysiert zunächst Aufbau, Aufgaben und Kompetenzen der Zivilverwaltung im Generalgouvernement mit dem besonderen Fokus auf dem Distrikt Lublin. Dabei werden die administrativen Strukturen nicht als anonymer bürokratischer Apparat geschildert, sondern mit Personen gefüllt, die die jeweiligen Posten bekleideten. Der biographisch-institutionelle Ansatz, der in allen Kapiteln Anwendung findet erleichtert es, das Geschehen konkreten Akteuren zuzuschreiben. Besondere Relevanz gewinnt diese Methode  im zweiten und dritten Teil der Untersuchung; hier wird die aktive Beteiligung der namentlich genannten Mitglieder der Zivilverwaltung an den einzelnen Stufen der Judenverfolgung von der Entrechtung und  Ghettoisierung bis hin zur systematischen Ermordung beleuchtet. Daneben stellt der Autor die Frage nach den Denkweisen, Motiven und dem Sozialisierungshintergrund der Täter. Er vertritt die These, dass die kriegswirtschaftliche Argumentation, persönliche Profite und Antisemitismus hier die entscheidende Rolle gespielt haben.

Einen integralen Bestandteil des Bandes bildet ein Anhang mit Biographien der aktivsten Mitarbeiter der Zivilverwaltung. Musial verfolgt auch ihr Schicksal in der Nachkriegszeit. Nur einige von ihnen wurden nach 1945 in der Bundesrepublik verurteilt. Viele machten Karrieren, besonders in den 50-er Jahren, in der Wirtschaft, im Justizbereich und in der lokalen Politik.

Bogdan Musial: Deutsche Zivilverwaltung und Judenverfolgung im Generalgouvernement [Quellen und Studien, Band 10], Wiesbaden 2011, 435 S., EUR 29,90 ISBN  978-3-447-06493-4

22
Apr
Conference
Workshop „Infrastructures of Memory. Actants of Globalisation and their Impact on German and Polish Memory Culture”
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