Tod in Davos: Österreichungarische Militärkultur und Ehre vor Gericht

In seinem Vortrag am 15. Mai in Prag verband John Deak (Notre Dame) die Ansätze von der Mikrogeschichte und der Geschichte der Ehre. Am Beispiel der Oberleutnant Josef Bartunek, der im März 1909 den niederländischen Komponisten Jules Mulder vor allen anderen Gästen in dem Hotel Eisenlohr in Davos erschoss, fragte der Vortragende nach der Rolle des Ehrennotwehrs in der österreich-ungarischen Militärkultur und der Rechtsstaatlichkeit in Europa. Er interessierte sich für historische Momente, in denen Offiziere vor dem ersten Weltkrieg das Gefühl hatten, über das Recht hinauszustehen. Ihre verächtlichen Haltungen gegenüber Gesätze, Verfassung und Gerechtigkeit konnten ein der Teilerklärungen für den Abbau des Rechtstaates und die rasche Militarisierung der Gesellschaft nach dem Aufbruch des Krieges anbieten.

Seinen Vortrag begann John Deak gedanklich im Davos der 1860er-Jahre als große Teile der Bevölkerung an Tuberkulose litten. Es wurden Gästehäuser errichtet, um Tuberkulosepatienten unterzubringen, und zwischen 1870 und 1900 entstand in der Stadt eine völlig neue Infrastruktur für den Gesundheitstourismus. Eine Eisenbahnverbindung wurde gebaut, neue Hotels mit Südbalkonen entstanden, auf denen Patienten sich auch im Winter sonnen und die gesunde Luft atmen konnten. Städtische Geschäftsleute gründeten einen Davoser Kurortverein, der viele Aspekte der Stadtverwaltung und -planung übernahm. Sie bauten Straßen, initiierten Sanitärprojekte und förderten sogar neue Vorschriften. Auf Lungenheilkunde spezialisierte Ärzte zogen nach Davos, um die wohlhabenden Patienten Europas zu behandeln. Ein der Hotels in Davos war das Hotel Eisenlohr, das der Vortragende im Folgenden näher vorstellte. Hier habe sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Kriminalgeschichte ereignet. Neben Bädern und Toiletten neusten Standards habe es unter anderem einen Aufenthaltsraum gegeben, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfanden. Einer der behandelten Gäste sei Oberleutnant Josef Bartunek gewesen, der während seines mehrmonatigen Aufenthalts mit Jules Mulder gestritten und ihn schließlich erschossen habe. Nach langem Prozess sei Barunek mit 6 Monaten Gefängnis bestraft worden.

Seinen spannenden Vortrag beendete John Deak mit einer Überlegung zur Mikrogeschichte. Aus seiner Sicht bewirkt die Mikrogeschichte zwei Dinge: entweder sie präsentiert einen typischen Fall, der verallgemeinert werden kann oder einen Ausnahmefall, der uns zeige, was normal ist und wo die Grenzen der Normalität sind. Bartuneks Ehrennotwehr-Fall Fall bringe hingegen eine Herausforderung mit sich. Wie Deak erklärte, stelle Ehrennotwehr ein extrem außergewöhnliches Ereignis dar. Es zeige den Konflikt zwischen Kultur und Gesetz. Kriegsminister und Kaiser hätten sich bemüht, die Gesetze zu beugen, um Bartunek eine mildere Strafe zu ermöglichen. Als ihnen dies gelang, hätten sie die internationale Öffentlichkeit darauf hingewiesen, dass eine Beleidigung keine ausreichende Rechtfertigung für einen Mord ist. Der Vortrag wurde von der Prager Außenstelle des DHI Warschau gemeinsam mit dem Collegium Carolinum, dem GWZO Prag und dem Masaryk-Institut und Archiv der Tschechischen Akademie der Wissenschaften organisiert.

22
Apr
Conference
Workshop „Infrastructures of Memory. Actants of Globalisation and their Impact on German and Polish Memory Culture”
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