Filme ohne Zuschauer: Filmproduktion und Kulturpolitik in der Ukraine

Die Aufmerksamkeit des Publikums im voll besetzten Konferenzsaal in Prag war groß als Olga Gontarska am 12. Oktober einen Überblick über die ukrainische Kulturpolitik gab. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin war vom DHI Warschau in die Außenstelle gereist, um über die Filmindustrie in der Ukraine zu sprechen.

Anschaulich erläuterte sie spezifische Filmproduktionspraktiken in der Zeit vor dem Euromaidan. Ukrainische Filme aus dieser Zeit würden nach wie vor wenig erforscht und kaum wahrgenommen. Eine Analyse des Produktionskontexts dieser Projekte könne jedoch die spezifischen Bedingungen in der Ukraine vor dem Euromaidan erklären. Eine staatlich gelenkte Kulturpolitik habe, so die Vortragende, zum Phänomen „Filme ohne Zuschauer“ und zur Vorherrschaft des ukrainischen Kulturraums mit ausländischer Inhalte und Formate im ukrainischen Kulturraum geführt. Es habe an wirksamen und transparenten rechtlichen und finanziellen Verfahren gefehlt und auch eine entsprechende Förderung sei ausgeblieben. Diese Situation hätte die Produktion qualitativ hochwertiger Filme und insbesondere deren angemessenen Konsum durch ein Publikum fast unmöglich gemacht, erklärte die Historikerin. Die Folgen seien so gravierend gewesen wie die offizielle Zensur in der Sowjetunion: Ukrainische Filmemacher seien ihrer Macht und ihres Einflusses auf Debatten über Identität und Erinnerung beraubt worden. Doch trotz dieser schwierigen Bedingungen seien einige Filme entstanden – Filme, die heute oft übersehen, ignoriert oder vergessen würden.

Besonders die konkreten Beispiele aus der Forschungspraxis interessierten die Zuhörerinnen und Zuhörer in Prag und gaben einen Einblick in die Herausforderungen bei der Erforschung der jüngsten Kulturgeschichte Osteuropas.

Die anschließende Diskussion wurde von Ségolène Plyer von der Universität Straßburg eröffnet, die derzeit ein DHIW-Residenzstipendium an der Prager Außenstelle absolviert. Sie wies auf die extremen Widersprüche zwischen dem entwickelten westeuropäischen System staatlicher Förderung und der Realität in der ukrainischen Filmindustrie hin, in welche der Vortrag einen Einblick gab.  Es folgte eine lebhafte Diskussion, in der Olga Gontarska detailliert erläuterte, wie sie mit den Schwierigkeiten der ukrainischen Filmproduktion und ihrem postsowjetischen Erbe in ihrer Forschung umgeht.

Ein gelungener Auftakt des Herbstzyklus der Prager Vorträge, die das DHI Warschau gemeinsam mit dem Collegium Carolinum München und dem GWZO Leipzig in Prag organisiert.

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