Krankenhäuser und die Institutionalisierung des Gesundheitswesens

Ziel der Konferenz war, zu erörtern, inwieweit Kliniken zu Veränderungen in der medizinischen Versorgung in den regionalen Städten und Landesmetropolen  beigetragen haben. Darüber hinaus wurden verschiedenen Muster von Krankenhäusern und Gesundheitsfürsorge analysiert, darunter häusliche und gemeindebasierte oder natürliche und volkstümliche Heilmethoden im langen 19. Jahrhundert. Einen weiteren Schwerpunkt nahm die Frage ein, welche Rolle die kaiserlichen, provinziellen und lokalen Behörden bei der Umgestaltung der Krankenhäuser spielten und wie sie das Leben und die Praxis innerhalb der Mauern medizinischer Einrichtungen prägten.

Das erste Panel, das der Gesundheitspolitik der Aufklärung gewidmet war, eröffnete Ivana Horbec (Zagreb), die sich mit den neuen Standards der medizinischen Praxis in den kroatischen Ländern unter der Habsburger Herrschaft befasste. An der Militärgrenze habe die Wiener Regierung das Gesundheitssystem finanziert. Diese habe sich hauptsächlich auf die Seuchenbekämpfung und die Behandlung von Kriegsinvaliden konzentriert. Die Nähe zur Wiener Militärverwaltung habe das Gebiet für ausländische Mediziner attraktiv gemacht. Aistis Žalnora (Vilnius) beschrieb, wie Fachleute und Ärzte Ende des 18. Jahrhunderts erste Krankenhäuser in Vilnius gründeten. Er wies auf den intellektuellen Transfer hin, der zur Gründung von Universitätskliniken beitrug, insbesondere durch Johan Peter Frank und seinen Sohn Joseph, die zu den Pionieren der klinischen Medizin im kaiserlichen Russland gehörten. Martynas Jakulis (Vilnius) schilderte die Umstände der Gründung des Allgemeinen Krankenhauses in Vilnius. Die russischen kaiserlichen Behörden hätten Änderungen im alten System der Gesundheitsversorgung eingeführt und verschiedene kirchliche Krankenhäuser abgeschafft. Das Allgemeine Krankenhaus von Vilnius sei jedoch der Neuorganisation des Gesundheitswesens gefolgt, die bereits in den späten 1770er Jahren begonnen hätte.

In Ungarn hingegen waren die im frühen 19. Jahrhundert gegründeten Krankenhäuser nicht unter Aufsicht der Gesundheitsverwaltung tätig. Das erklärte Ingrid Kušniráková (Bratislava). Die staatlichen Behörden hätten sich für die Krankenhäuser nur im Zusammenhang mit der Reglementierung der Bettelorden als Präventivmaßnahme gegen die Verbreitung ansteckender Krankheiten oder in Zeiten von Epidemien interessiert. Ludwig Pelzl (Florenz) befasste sich mit der Mikrogeschichte von vier städtischen Hospitälern in Süddeutschland, die im späten 17. Jahrhundert als Altersheime fungierten. Die Hospitäler hätten beträchtliche Mittel eingesetzt, um wohlhabende ältere Bürger aufzunehmen, die für ihre Aufnahme hohe Summen zahlten. Dies habe den Hospitälern finanzielle Anreize geboten und sei politisch wichtigen Bürgern entgegengekommen, Altersarmut befürchteten.

Im zweiten Panel, das sich mit Mutterschaft und Kinderbetreuung befasste, stellte Marina Hilber (Innsbruck) die Geschichte des Entbindungsheims und seiner Hebammenschule in Czernowitz im 19. Jahrhundert vor. Der Hauptzweck der Entbindungsanstalt sei die praktische Ausbildung von Hebammen gewesen, die die Geburtshilfe in ihren Gemeinden verbessern sollten. Eine fachlich qualifizierte Hebammenlehrerin habe dort Unterricht in den verschiedenen Sprachen der multiethnischen Bukowina erteilt. Svitlana Luparenko (Charkiw) berichtete über die Gesundheitsfürsorge in den Kindersommerkolonien, die es im Russischen Reich seit Ende des 19. Jahrhunderts gegeben habe. Die Sommerkolonien hätten kostenlos oder gegen ein geringes Entgelt gearbeitet und würden noch immer in vielen Städten der heutigen Ukraine existieren. Ihr Ziel sei gwesen, den schwächsten Kindern aus armen Familien eine Chance zu geben und ihre Gesundheit unter ländlichen Bedingungen zu stärken.

Am zweiten Konferenztag stand das Thema „Krankenhausvermittlung“ auf dem Programm. Vladan Hanulík (Pardubice) erörterte die wachsende Bedeutung des klinischen Umfelds und die Veränderungen in der Kurtherapie des 19. Jahrhunderts. Am Beispiel des Priessnitzer Bades in Gräfenbeg/Lázně Jeseník untersuchte er unkonventionelle medizinische Praktiken und unterschiedliche Herangehensweisen an den menschlichen Körper, die zur Entwicklung neuer hydrotherapeutischer Behandlungen führten. Obwohl Siebenbürgen ein peripherer Teil der Habsburger Monarchie gewesen sei, habe es einen ähnlichen Prozess der Medikalisierung erlebt wie andere Regionen, wie Luminita Dumănescu (Cluj-Napoca) und Nicoleta Hegedüs (Cluj-Napoca) überzeugend darlegten. Lokale Krankenhäuser wie das „Carolina-Krankenhaus“ in Cluj hätten die Grundlage des modernen öffentlichen Gesundheitswesens geschaffen, das durch die kaiserliche Gesetzgebung geregelt und den Behörden unterstellt wurde.

In einem anschließenden Panel zur institutionellen Seelenpflege untersuchte Janka Kovács (Budapest) Projekte zum Bau von Irrenhäusern in Ungarn und konzentrierte sich dabei auf den Transfer von psychiatrischem Wissen und Asylmanagement innerhalb der Habsburgermonarchie sowie zwischen Mittel- und Westeuropa. Kaiserliche Bestrebungen und lokale Anpassungen hätten zu Spannungen geführt, die die Institutionalisierung der psychiatrischen Versorgung bis in die 1860er und 1870er Jahre beeinflussten. Babeta Jurámiková (Prag) beschrieb die Aktivitäten von Jakub Fischer, der damals als neu gewählter Primararzt des Landeskrankenhauses in Pressburg/Bratislava die Einrichtung einer psychiatrischen Abteilung initiierte. Ruslan Mitrofanov (München) legte den Schwerpunkt auf die Modernisierung russischer psychiatrischer Einrichtungen nach britischem Vorbild und nach dem Vorbild englischer Landasyle für sozial schwache Schichten. Am Beispiel des Kasaner Regionalkrankenhauses zeigte er die Verbindungen der russischen Psychiatrie mit westeuropäischen Entwicklungen auf.

Daniela Tinková (Prag) stellte die Prager Irrenanstalt als Beispiel für die Umwandlung des Krankenhaustyps „Irrenhaus“ oder „Irrenanstalt“ in eine „klinische“ Einrichtung vor, in der die universitäre Lehre zumindest teilweise mit der Forschung kombiniert worden sei. Die Prager „Irrenanstalt“ sei als integraler Bestandteil des staatlichen Komplexes medizinischer Einrichtungen gegründet und im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts umgebaut worden. Sie habe die Architektur anderer sog. Irrenanstalten in Mitteleuropa inspiriert. Die innere und äußere Gestaltung habe differenziert und es seien spezielle Abteilungen für Geisteskranke geschaffen worden. Für die Behandlung sei die Einhaltung von Disziplin und Arbeitstherapie entscheidend gewesen. Eva Hajdinová (Prag) beleuchtete die Geschichte der beiden führenden Prager Klosterspitäler in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – der Brüder vom Heiligen Johannes von Gott und der Schwestern der Heiligen Elisabeth. Sie fasste die neueren Erkenntnisse über die Krankenpflege und die Behandlung körperlicher Krankheiten in den beiden Krankenhäusern zusammen. Darüber hinaus befasste sie sich mit dem bisher nicht erforschten Thema der Betreuung psychisch kranker Priester, für die bei den Barmherzigen Brüdern eine eigene Abteilung eingerichtet wurde. Pavlína Pončíková (Brünn) berichtete über die Landesanstalt für Geisteskranke in Tschernowitz/Černovice bei Brünn, die einzige Einrichtung dieser Art in Mähren, deren Existenz auf die kaiserlichen Versuche zurückzuführen sei, die unzureichende Unterbringung von Geisteskranken in Krankenhäusern und Pflegeanstalten seit den 1860er Jahren durch staatlich finanzierte Landesbehandlungseinrichtungen zu ersetzen. Helena Chalupová (Prag) beobachtete zu einem ähnlichen Thema und Zeitraum die Ausdehnung der Prager psychiatrischen Anstalten auf das böhmische Land. Anhand des überlieferten Archivmaterials wählte sie verschiedene Aspekte aus, die mit der Funktionsweise der Einrichtungen, der wirtschaftlichen Versorgung und der Betreuung psychisch Kranker zusammenhängen.

Der letzte Konferenztag bestand aus Panels, die den Vertreterinnen und Vertretern der Krankenhaus- und Gesundheitsinfrastrukturen gewidmet waren. Piotr Franaszek (Krakau) sprach von einem systematischen Aufwärtstrend in der galizischen Gesundheitsversorgung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Die Zahl der Patientinnen und Patienten, die in öffentliche Krankenhäuser eingeliefert wurden, sei von Jahr zu Jahr gestiegen. Die Provinzbehörden und die gesetzgebenden Körperschaften hätten finanzielle Zuschüsse für Krankenhäuser unterstützt, um das Gesundheitsniveau der Gesellschaft zu verbessern. Paweł Fiktus (Breslau) charakterisierte die Beiträge von Gustaw Roszkowski zu Änderungen des Völkerrechts in Bezug auf die Organisation von Kriegslazaretten und die medizinische Versorgung von Verwundeten. Andreas Jüttemann (Dresden/Berlin) untersuchte das erste Gebirgssanatorium für Tuberkulosekranke im Riesengebirge, das vom jungen Arzt Hermann Brehmer gegründet wurde. Dieser hätte selbst einen Ort gesucht, an dem noch keine Tuberkulose aufgetreten war und wo es zudem günstige Kurbedingungen gab. Aus diesem Grund habe Brehmer den Park des Sanatoriums gegründet, in dem lungenkranke Patientinnen und Patienten mit behandelt wurden.  Alexander Obermüller (Erfurt) wies auf die Wiener Gesundheitsdienstleister hin, die seit Anfang der 1880er Jahre sowohl die medizinische Versorgung als auch das Wissen über die Klinik und die Krankenhäuser hinaus verbreiteten und verteilten. Mit Pferdekutschen hätten sie medizinische Notfälle in Krankenhäuser transportiert.

Barbora Rambousková (Pardubice) untersuchte anhand von Memoiren von Ärzten die internen Hierarchien und sozialen Praktiken in den böhmischen Kliniken zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie erörterte die patriarchalische Haltung der Primarärzte gegenüber den Medizinstudenten und fragte sich, wie die männliche Autorität und das Prestige der verschiedenen medizinischen Fachgebiete funktionierten. Im letzten Vortrag der Konferenz, der die Abschlussdiskussion einleitete, verglichen Darina Martykánová (Madrid) und Víctor Núñez-García, (Sevilla) die lange und mühsame Umwandlung von Krankenhäusern in Spanien und im Osmanischen Reich: von karitativen Einrichtungen, die sich hauptsächlich an Arme und Mittellose richteten, zu klassenübergreifenden Einrichtungen als Zentren der Heilung, Lehre und Forschung. Die politischen Freiheiten in Spanien, zu denen seit den 1830er Jahren auch eine umfassende verfassungsmäßige Ordnung gehörte, hätten die Modernisierung des Krankenhauses als Institution womöglich sogar behindert, da die Gemäßigten im Parlament der katholischen Kirche und anderen alternativen Machtzentren eine Stimme gegeben hätten. Sie hätten nicht gewollt, dass sich der Staat in das einmischte, was sie als ihren Wirkungsbereich betrachteten. Dieser politische und institutionelle Pluralismus, der im Osmanischen Reich schwächer ausgeprägt war, habe sich womöglich nachteilig auf eine solidere öffentliche Gesundheitsinfrastruktur ausgewirkt, die von den staatlichen Behörden gestaltet wurde.

Die Konferenz „Hospitals and the Institutionalization of Health Care in Central and Eastern Europe in the long 19th Century” fand vom 22. bis 24. Juni 2023 in der Außenstelle Prag statt und wurde vom DHI Warschau gemeinsam mit dem Institut für Tschechische Geschichte an der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität organisiert.

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