Fünfte Jahreskonferenz der Memory Studies Association

Mit dem Ziel, das wichtigste Forum für den Bereich der Erinnerungsforschung zu werden, veranstaltete die Memory Studies Association (MSA) ihre fünfte Jahreskonferenz in Warschau. Die Onlineveranstaltung fand vom 5. bis 9. Juli 2021 unter dem Leitthema „Convergences“ statt. Konzipiert wurden die Panels mit dem Ziel, die ostmitteleuropäische Region mitsamt ihrer sich überlagernden Erinnerungen genauer in den Blick zu nehmen und sich zugleich mit den zunehmenden Verflechtungen zwischen dem Globalen und dem Regionalen, dem Digitalen und dem Analogen, dem Menschlichen und dem Nicht-Menschlichen auseinanderzusetzen.

Vertreterinnen und Vertreter der vier veranstaltenden Institutionen – European Network Remembrance and Solidarity, Universität Warschau, DHI Warschau, Polish Memory Studies Group – stellten gemeinsam mit lokalen Partnern ein Programm mit 230 Panels, Roundtablegesprächen und Seminaren zusammen. Die Überlegungen betrafen verschiedene Ebenen der mnemotechnischen Verflechtung sowie einige übergreifende Interessensfelder. Im Fokus standen ethische, historische, politisch-diskursive und biologisch-ökologische Konvergenzen.

In ihrem Eröffnungsvortrag äußerten sich die MSA-Kopräsidenten Jeffrey Olick, Aline Sierp, Hanna Teichler und Jenny Wustenberg zum Wachstum der Association angesichts der aktuellen Herausforderungen. Obwohl das Feld der Erinnerungsforschung in den letzten zehn Jahren erheblich gewachsen sei, gebe es noch nicht viele klar definierte Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichem disziplinärem und professionellem Hintergrund Ideen austauschen und von den theoretischen, methodologischen und empirischen Ansätzen der anderen lernen können. Zwar würden weltweit Fragen rund um das Erinnern erforscht, jedoch fehle es an Möglichkeiten zur Interaktion zwischen den verschiedenen Orten, was häufig mit mangelndem gegenseitigem Verständnis einhergehe. Diesen Umstand beobachteten auch Joanna Wawrzyniak, Małgorzata Pakier, Magdalena Saryusz-Wolska, Joanna Wawrzyniak und Zofia Wóycicka, die Vorsitzenden des Programmausschusses. Indem sie bereits seit einiger Zeit aktiv Forschende und Praktiker einlüden, die in den bestehenden wissenschaftlichen Netzwerken bislang unterrepräsentiert seien, bemühten sie sich, diesem Umstand entgegenzuwirken.

Insgesamt bot die internationale Konferenz über 100 Live-Sitzungen zu verschiedenen Themen aus dem Bereich der Erinnerungsforschung, ein Kulturprogramm zur Geschichte der Gastgeberstadt Warschau, eine Reihe von Plenarsitzungen und Keynotes sowie zahlreiche von den Arbeits- und Regionalgruppen organisierte Veranstaltungen. Neben der Keynote von Olivette Otele zur Erinnerung an koloniale Versklavung im Großbritannien des 21. Jahrhunderts („Memory of Colonial Enslavement: Convergent Activism in 21st Century Britain”) zählten die Vorträge „The Implicated Subject: Rethinking Memory and Responsibility“ und „To Demolish or Not to Demolish? Difficult Past Revisited“ mit jeweils über 200 Zuschauerinnen und Zuschauern zu den am zahlreichsten besuchten Sitzungen. Zu den wichtigsten Ergebnissen zählen die fruchtbaren Diskus-sionen zur Sprachenvielfalt und Genderdiversität in den memory studies, wodurch sich für die Forschung neue Perspektiven eröffnen. Die Aufnahmen der Plenarveranstaltungen sind über den Youtube-Kanal der MSA frei zugänglich, alle anderen Sektionen sind für Tagungsteilnehmer auf der Homepage msaconferencewarsaw.dryfta.com zu sehen.

Das DHI Warschau war an der Veranstaltung nicht nur organisatorisch, sondern auch inhaltlich sichtbar vertreten. Magdalena Saryusz-Wolska war Ko-Vorsitzende des Organisationskomitees, Zofia Wóycicka Mitglied des Programm- und des Organisationskomitees. Beide DHIW-Mitarbeiterinnen moderierten zahlreiche Panels, darunter die Eröffnungs- und Abschlussveranstaltungen. Außerdem trug das Institut mit folgenden Ereignissen zur Tagung bei: dem Lelewel-Gespräch „To Whom Does the Museum Belong?“ (Organisation Zofia Wóycicka, s. Seite 16–17), dem Panel „Infrastructures of Cultural Memory“ (Organisation Magdalena Saryusz-Wolska), dem Workshop „Inside the Black Box of Cultural Memory“ (Organisation Magdalena Saryusz-Wolska) und dem Panel „Rescue Turn. Holocaust Meory, Politics and Debates“ (Organisation Zofia Wóycicka). Felix Ackermann präsentierte Ergebnisse seines Forschungspro-jekts zur Geschichte des Strafvollzugs im geteilten Polen-Litauen im Panel „Explosive Convergences“.

Die Tagung endete nach über 400 Stunden Diskussion. Eine umfangreich bestückte Online-Konferenzplattform mit Chat- und Nachrichtenfunktion ermöglichte es allen Registrierten, sich mit Referentinnen und Referenten sowie anderen Teilnehmenden auszutauschen und zu vernetzen. So war auch digital ein fruchtbarer Austausch möglich – wenngleich zu hoffen ist, dass die nächste MSA-Konferenz (Juli 2022, Thema „Solidarität“) vor Ort in Seoul stattfinden kann.

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