Karol Modzelewski über das ‚barbarische Europa’

In seiner Reihe Klio in Polen hat das Deutsche Historische Institut Warschau eine deutsche Übersetzung der innovativen Studie „Barbarzyńska Europa“ des renommierten polnischen Mediävisten Karol Modzelewski vorgelegt.

Die weit angelegte und tiefgründige Monographie stellt die zentrale Frage nach dem diversen Ursprung der europäischen Kultur. Der Autor vertritt die These, dass das Kulturerbe Europas nicht nur auf die antike Zivilisation des mediterranen Raumes zurückzuführen sei, sondern auch deutlich Elemente der Sitten und Traditionen der so genannten. „barbarischen“ Völker aufweist. Die herablassende Betrachtung der Barbaren durch die Griechen und die Römer hat über Jahrhunderte zur „Europäisierung“ Europas und zur Einengung seiner Enstehungsgeschichte auf den ausschliesslich lateinisch-christlichen Aspekt beigetragen. Deswegen versucht  Modzelewski das Wort „barbarisch“ zu dekonstruieren und es von der bisherigen negativen Konnotation zu lösen. Elemente des barbarischen Erbes seien noch im heutigen Europa und sogar in den Vereinigten Staaten präsent (Einstimmigkeitsprinzip der Geschworenenurteile, Kollektivismusgedanke, oder bestimmte Redewendungen in manchen Sprachen); sie seien ein  Bestandteil der komplexen Identität des Kontinents.

Die Studie untersucht minutiös die Sitten, die Institutionen der Stammesgemeinschaft, die sozialen Strukturen und die Rache- und Versöhnungsrituale der barbarischen Völker am Beispiel der Germanen und Westslawen. Nachgezeichnet wird auch der Wandel der sozialen Ordnung dieser Stämme innerhalb eines Jahrtausends. In methodologischer Hinsicht stimmt der Autor dem Forschungspostulat von Reinhard Wenskus zu, der sich bereits in den 70er Jahren gegen eine ethnische Trennung der Quellen bei der Untersuchung der germanischen und slawischen Stämme des barbarischen Europas gewandt hat. Deswegen analysiert Modzelewski ganz bewusst so zeitlich und geographisch weit auseinander liegende Quellen wie die Germania des Tacitus und die Chronica Slavorum Helmolds von Bosau. Ein integraler Bestandteil der Darstellung ist der einführende Essay „Der Mediävist und politische Zeitgenosse Karol Modzelewski“ von Eduard Mühle, der den wissenschaftlichen Weg Modzelewskis zum hervorragenden Gelehrten und zugleich sein politisches Leben als einer der Hauptakteure der Solidarność-Bewegung schildert und die Wechselwirkung der beiden Stränge dieser ungewöhnlichen Biographie analysiert.

Karol Modzelewski, Das barbarische Europa. Zur sozialen Ordnung von Germanen und Slawen im frühen Mittelalter. Aus dem Polnischen übersetzt von Heidemarie Petersen, mit einer Einführung von Eduard Mühle [Klio in Polen, Band 13], Osnabrück 2011, 484 S., EUR 34.80,- ISBN 978-3 -938400-66-1.

22
Apr
Tagung
Workshop „Infrastructures of Memory. Actants of Globalisation and their Impact on German and Polish Memory Culture”
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