Globale Herausforderung und gesellschaftlicher Wandel


Einleitung

Die weltweite Vernetzung bewirkt eine Erweiterung der Forschungsperspektiven über eigene und bekannte Räume hinaus. Sie führt zu neuen Aufmerksamkeiten für Zusammenhänge, aus denen sich Fragestellungen ergeben, die zuvor vom eigenen Standort nicht formuliert werden konnten. Neben diesen globalen Herausforderungen ist die zeithistorische Forschung damit konfrontiert, dass sich in den letzten Jahrzehnten Veränderungen der Gesellschaft vollzogen haben, die anderes Verhalten, veränderte Denkweisen sowie Wertewandel erzeugen. Diesen Wandel gilt es zu kontextualisieren.

Gerade Makroprozessbegriffe, wie Säkularisierung und Privatisierung, provozieren bisher unbekannte Fragen und sogar ganz frische Unterbereiche der Geschichtswissenschaft. Diese neuen Ansätze bleiben jedoch nicht ohne Widerspruch: Gleichzeitig erleben nationalgeschichtliche Trends eine Renaissance und produzieren Spannungsfelder innerhalb des Faches. Hier zeigt sich, dass Globalisierungsfragen als Objekt der Geschichtswissenschaft ganz unterschiedlich bearbeitet werden können und mit gegenläufigen Tendenzen zu konkurrieren haben.

Die einzelnen Projekte des Forschungsbereichs nehmen sehr verschiedene Fragestellungen des 20. Jahrhunderts in den Blick. Gemeinsam ist den Projekten, dass die jeweiligen Blickrichtungen und die geografische Verortung ihrer Fragestellungen neu sind. Für die Analysen werden unterschiedliche Methoden genutzt – von Vergleichen bis hin zu exemplarischen Fallstudien.

Die thematische Breite wird durch die Einbindung drittmittelfinanzierter Vorhaben und Kooperationsprojekte erweitert. Im Besonderen stehen hier Untersuchungen zu Wissenschaftsbeziehungen zwischen Polen und der arabischen Region im Mittelpunkt. Ergänzt werden diese Projekte um Forschungen, die Holocaust, Kriegsgeschehen und Kriegsfolgen aus einer längerfristigen Perspektive analysieren, um mittels einer vertieften Darstellung und komplexen Erklärung gesellschaftlicher und medialer Kontexte Langzeitwirkungen des Zweiten Weltkriegs genauer positionieren zu können.


Teilprojekt 1

„No Sex Please, We are Catholic“. Reproduktion und Partnerschaft im Spannungsfeld zwischen (De-)Säkularisierung und (De-)Privatisierung von Religion in Irland und Polen

Bearbeiter: Michael Zok

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Das Forschungsvorhaben hat das Ziel, die in aktuellen religionssoziologischen Studien zutage tretenden unterschiedlichen Ergebnisse („(De-)Privatisierung“, „(De-)Säkularisierung“) durch eine vergleichende historische Langzeitanalyse zweier sich aufgrund von kulturellen und historischen Faktoren ähnelnder Gesellschaften (Irland und Polen) – darunter die lange Dominanz der katholischen Kirche in gesellschaftlichen Debatten – zu hinterfragen. Dabei steht die Analyse spezifischer Pfadabhängigkeiten und Bedingungen, die die Wirkungsmacht von „säkularen“ bzw. „kirchlichen“ Normen steigern bzw. abschwächen, im Mittelpunkt. Ferner werden Faktoren beleuchtet, die einen „Wertewandel“ in den beiden gewählten Gesellschaften ermöglich(t)en bzw. behinder(te)n. Diskurse über Reproduktion und Partnerschaft eignen sich hierfür hervorragend, da gesellschaftliche Auseinandersetzungen gerade in Bezug auf Reproduktion und Geschlechterverhältnisse keineswegs eine „stille Revolution“ (Inglehart) darstellen, sondern deutlich wahrnehmbar sind. Dass sich solch ein „Wertewandel“ in einer Gesellschaft durchaus schnell vollziehen kann, lässt sich am irischen Beispiel feststellen: Hier lagen zwischen dem Referendum, das dem nahezu vollständigen Abtreibungsverbot Verfassungsrang erteilte (1983), und demjenigen, das sie erstmals in der Geschichte Irlands legalisierte (2018), gerade einmal 35 Jahre. Flankiert wurden diese beiden Ereignisse von heftigen und emotional geführten Debatten.

Bei der Analyse liegt gemäß der Methode der historischen Diskursanalyse ein Fokus einerseits auf Zeiten der diskursiven Verdichtungen, etwa bei gesellschaftlichen Debatten um Reproduktion und Partnerschaft (Gesetzgebung zu Ehe, Familie, Scheidung, Abtreibung, Verhütung). Dabei wird ein möglichst großes Sample an Quellen und den darin enthaltenen Aussagen analysiert werden, um Gesetzmäßigkeiten und (Sagbarkeits-)Regeln des Diskurses nachzuzeichnen. Des Weiteren liegt ein Schwerpunkt auf den Grenzen und deren Durchlässigkeit. Die historische Diskursanalyse soll dazu dienen, nachzuweisen, unter welchen Bedingungen und in welchen Machtkonstellationen bestimmte Aussagen aus dem imaginären in den virtuellen Diskurs und vice versa überführt wurden, und welche Faktoren dazu führten, dass die Diskurshoheit von einem Akteur auf einen anderen überging. Von besonderer Bedeutung sind ferner damit verbundene Abwehrstrategien, um die Hoheit aufrechtzuerhalten. Die Diskurshoheit stellt nicht nur einen Indikator für die Macht bzw. soziale Relevanz des jeweiligen Akteurs dar, sondern mit ihr hängt auch die Umsetzung der diskursiv konstruierten Vorstellungen in die soziale und rechtliche Praxis zusammen.

Das Projekt legt aufgrund seiner Ausrichtung zudem einen Fokus auf Phasen der beschleunigten Modernisierung (gekennzeichnet durch funktionale Differenzierung, Anstieg des Wohlstands-/Bildungsniveaus etc.) nach 1945. Hierzu zählen für Irland besonders die Jahre der Regierung von Seán Lemass und Jack Lynch (1959-1973) sowie die 1990er Jahre, als die irische Gesellschaft einen spürbaren Wohlstandsanstieg verzeichnete und sich der Celtic Tiger herausbildete. Zudem fällt in den zweiten Zeitraum die Offenlegung von (Missbrauchs-)Skandalen innerhalb der katholischen Kirche in Irland. Für Polen lassen sich verschiedene Phasen der beschleunigten gesellschaftlichen Entwicklung nachweisen (Hochstalinismus, 1960er und 1970er Jahre, die Pluralisierung und Demokratisierung in den 1990er Jahren sowie der Ausbau der wirtschaftlichen Potenz seit dem EU-Beitritt). Um die Effekte dieser Phasen, besonders aber auch der Beitritte zur EG (1973) bzw. zur EU (2004) in einer Langzeitperspektive zu untersuchen, wird der Untersuchungszeitraum mit dem Jahr 2015 enden, da in diesem Jahr auch eine der letzten diskursiven Verdichtungen in beiden Gesellschaften erfolgt.


Teilprojekt 2

Aneignung und Revitalisierung. Aushandlungsprozesse des deutsch-jüdischen Kulturerbes in Polen.

Bearbeiter: Christhardt Henschel

Im Rahmen des Schwerpunktprogramms 2357 der DFG „Jüdisches Kulturerbe“ bearbeitet Chrishardt Henschel gemeinsam mit Kamila Lenartowicz das Tandemprojekt „Aneignung und Revitalisierung. Aushandlungsprozesse des deutsch-jüdischen Kulturerbes in Polen.“ Das Projekt wurde von Prof. Dr. Ruth Leiserowitz gemeinsam mit PD Dr. Ulrich Knufinke von der Bet Tfila – Forschungsstelle für Jüdische Architektur in Europa an der TU Braunschweig eingeworben.

In dem Forschungsvorhaben geht es um die Entwicklung des Umgangs mit gebautem jüdischen Erbe am Beispiel der Erhaltung und Nutzung ehemaliger Synagogen und anderer jüdischer Bauten in Polen, insbesondere in den ehemals deutschen Gebieten, als Teil von Aneignungsprozessen. Mit der besseren Kenntnis der erhalten gebliebenen Objekte setzte in vielen Orten ein Interesse von Bürgern ein, sie wieder als Orte jüdischer Kultur und Geschichte ins öffentliche Bewusstsein zu bringen, andernorts waren es internationale Organisationen, die den Fokus auf die „vergessenen“ Synagogen und Friedhöfe lenkten. Christhardt Henschel konzentriert seine Forschungen vor allem auf die historische Einordnung dieser Prozesse. Ausgehend von denkmalpflegerischen Praktiken und Diskursen im Polen der Zwischenkriegszeit, der unter den Nationalsozialisten erfolgten Zerstörung bzw. Umnutzung der Synagogen sowie der Rechtspraxis in Bezug auf das Eigentum jüdischer Gemeinden in Nachkriegspolen, fragt er nach Akteuren, Institutionen und Diskursen, die den Umgang mit Synagogen bestimmten. Dabei geht es auch darum Unterschiede zwischen den zentralpolnischen und den ehemals deutschen Gebieten herauszuarbeiten. Desweiteren ist zu fragen, wie sich nationale und internationale Diskurse über das jüdische materielle Erbe verzahnten und auf lokaler Ebene sichtbar wurden. Ein weiterer wichtiger Kontext ist die kulturelle Aneignung der ehemals deutschen Gebiete durch die neuen Bewohner, die sich nach 1945 hier niederließen. Sie fanden eine maßgeblich von Deutschen geprägte Landschaft vor. Im Projekt wird gefragt, inwieweit sie in diesem Kontext Synagogen als explizit jüdisches (und damit „doppelt fremdes“) Erbe, oder Teil der deutschen Hinterlassenschaften wahrnahmen.


Teilprojekt 3

Ländliche Gemeinden in Zentralpolen während der deutschen Besatzung und des Holocaust

Bearbeiter: Łukasz Krzyżanowski

Ziel des Projekts ist eine Studie zum Alltagsleben und der sozialen Beziehungen in den Dörfern und Kleinstädten Polens während der deutschen Besatzung und des Holocaust (1939–1945, Distrikt Radom des Generalgouvernements). Die wichtigste Quellenbasis des Projekts sind Archivmaterialien, die im Zuge der in Polen in der zweiten Hälfte der 1940er und in den 1950er Jahren durchgeführten Ermittlungen und Prozessen entstanden.

Aus einer Bottom-up-Perspektive untersucht das Projekt unter Auswertung der Aussagen von Zeugen und Angeklagten die Strategien, die von den lokalen Gemeinschaften entwickelt wurden, um in einem von ständiger Unsicherheit geprägten Leben, in dem Angst und das Gefühl der Bedrohung durch Terror und Gewalt – ausgeübt durch die Besatzer, aber oft auch durch Partisanen und Nachbarn – allgegenwärtig waren, mit der Realität, den Regeln der Besatzungsmacht und dem Hierarchiegefüge zurechtzukommen. Das Projekt ist die Fortsetzung einer zwischen 2018 und 2021 am Institut für Philosophie und Soziologie der Polnischen Akademie der Wissenschaften durchgeführten Forschungsarbeit.

Der Bearbeiter analysiert dazu unter anderem Kopien von Dokumenten, die hauptsächlich aus dem Archiv der Zweigstelle des Instituts für Nationales Gedenken (IPN) – Kommission für die Verfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk in Kielce stammen.

Teilprojekt 4

Sozialistische Lebenswelten und Unterwelten: Machtorganisation des Stadtraums in den spätsozialistischen Großstädten Prag, Warschau und Ost-Berlin

Bearbeiter: Dr. Jaromír Mrňka

Das Projekt untersucht die Machtverhältnisse im städtischen Raum spätsozialistischer Großstädte wie Prag, Warschau und Ost-Berlin in den 1980er Jahren und legt besonderen Fokus auf das Konzept der "Unterwelt". Hierbei handelt es sich um jene Bereiche und Lebenswelten am Rande der Gesellschaft, die oft von Menschen mit alternativen Lebensstilen, Randgruppen und sozialen Minderheiten bewohnt wurden. Diese "Unterwelt" existierte parallel zur offiziellen sozialistischen Ordnung und wurde von den staatlichen Sicherheitskräften als "kriminell mangelhaft" betrachtet. Das Projekt analysiert, wie diese "Unterwelt" in den städtischen Raum integriert war, wie sie von der Staatsmacht wahrgenommen wurde und wie sich die Mitglieder dieser Unterwelt mit ihrem Lebensraum identifizierten.

Das Hauptziel des Forschungsprojekts ist die Kartierung der Machtstrukturen im städtischen Raum von Prag, Warschau und Ost-Berlin in den 1980er Jahren. Es werden Transformationen durch Staatsmacht und Sicherheitskräfte sowie Lebensstrategien der Akteure in diesem hierarchisierten Raum analysiert. Das Projekt fragt auch, welche Verhaltensweisen von der Diktatur toleriert und welche unterdrückt wurden, basierend auf dem gesellschaftlichen Konsens über ein menschenwürdiges Leben im Sozialismus.

Zusätzlich beleuchtet das Projekt, wie die staatliche Macht in spätsozialistischen Gesellschaften trotz ideologischer Ansprüche bestimmte Grauzonen tolerierte und teilweise selbst daran teilnahm, wie z.B. in der Schattenwirtschaft. Dies unterstreicht die Spannung zwischen offizieller Ideologie und gesellschaftlicher Realität. Insgesamt bietet das Projekt einen Einblick in die sozialen Strukturen und das komplexe Wechselspiel von Macht, Identität und gesellschaftlicher Ordnung im Kontext dieser spätsozialistischen Großstädte, wobei die "Unterwelt" als ein zentrales Element in dieser Analyse herausgestellt wird.

23
Mai
Podiumsdiskussion Buchvorstellung
Warschauer Buchmesse
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