Stipendiatin Larysa Zherebtsova über wissenschaftliches Arbeiten in der Ukraine und Polen

Larysa Zherebtsova ist seit April 2022 Stipendiatin im Förderprogramm „Forschungsperspektive Ukraine“. Am DHI Warschau arbeitet sie zum Zollsystem des Großfürstentums Litauen im 15. und 16. Jahrhundert. Zuletzt war sie in Dnipro in Forschung und Lehre tätig. Wir haben sie zu Gemeinsamkeiten und Unterschieden im wissenschaftlichen Arbeiten in der Ukraine und Polen befragt.

Larysa, du bist seit April im Stipendienprogramm „Forschungsperspektive Ukraine“. Es ist für dich nicht das erste Mal am DHI Warschau. Wie ist es für dich, wieder hier zu sein?

Das erste Mal war ich vor fünf Jahren als Stipendiatin hier, im Oktober 2017. Unabhängig von den Umständen, unter denen ich in diesem Jahr in Warschau lebe, ist es eine große Ehre, Stipendiatin am DHI zu sein. Beim ersten gemeinsamen Treffen mit der Leitung und den Angestellten des Instituts habe ich mich sehr gefreut, nach so langer Zeit so herzlich in Empfang genommen zu werden. Generell ist die Atmosphäre hier sehr angenehm. Es gibt nicht nur in der Forschung viel Unterstützung und Hilfsbereitschaft, alle sind sehr o en und jederzeit ansprechbar, wenn wir etwas brauchen.

In deinem Berufsleben hast du bereits verschiedene akademische Arbeitskontexte innerhalb und außerhalb der Ukraine kennengelernt. Inwiefern nimmst du regionale Unterschiede im wissenschaftlichen Arbeiten wahr?

Ein Hauptunterschied ist, dass es sich hier wesentlich angenehmer in den Archiven und Bibliotheken arbeiten lässt. Dies gilt sowohl für die physischen Arbeitsbedingungen in den Lesesälen der AGAD, der Nationalbibliothek oder der Bibliothek der Universität Warschau als auch für die emotionalen Bedingungen. In den AGAD-Lesesälen gibt es sehr hochwertige Mikro lme und Lesegeräte in guter Qualität, frei zugängliche Archivbestände und die Möglichkeit, einen Laptop anzuschließen und Dokumente zu scannen. Als ich das erste Mal im AGAD war, war ich überrascht, ein Originaldokument von 1507 auf Pergament zu erhalten, weil ich mit einem Mikrofilm gerechnet hatte. Die Angestellte im Lesesaal fragte, ob ich Handschuhe für die Arbeit mit dem Pergament dabeihätte. Das mag für Forschende aus anderen europäischen Ländern seltsam klingen, aber in den ukrainischen Archiven gibt es so etwas nicht. Die weißen Handschuhe habe ich später sogar meinen Studierenden während einer Vorlesung zu Archivkunde gezeigt. Auch die Möglichkeit, ein Buch aus einem Bibliotheksregal zu nehmen und sich damit auf den Boden zu setzen, ist meiner Meinung nach ein bedeutendes Element der wissenschaftlichen Arbeit. Auch der emotionale Aspekt ist mir sehr wichtig. Die besondere Stimmung in den Lesesälen, die einen zum Arbeiten bis zum Feierabend motiviert. Hier ist es unkompliziert, ein Buch zur Hand zu nehmen, um eine Fußnote zu überprüfen oder bei Archivressourcen eine neue Bestellung aufzugeben. Ganz zu schweigen davon, dass die meisten Dokumente und Bücher fotogra ert werden können und vieles digitalisiert ist. Das ist jedenfalls meine Erfahrung aus Warschau und Krakau. In anderen Städten und Ländern sieht das vielleicht auch anders aus.

In Dnipro hast du auch unterrichtet. Wie gestaltet sich die universitäre Lehre dort im Moment?

Ich habe an der Nationalen Oles-Honchar-Universität studiert und dort nach meiner Dissertation an der Geschichtsfakultät gearbeitet. Am ukrainischen Bildungssystem nde ich auch vieles gut. In den ersten drei Jahren des Geschichtsstudiums werden die Studierenden in den gleichen Grunddisziplinen ausgebildet, worauf die Spezialisierung folgt. Allerdings, und das ist meiner Meinung nach ein Problem, gibt es an den Universitäten nicht genügend Praxiskurse, in denen gelehrt wird, wie man wissenschaftliche Aufsätze, Artikel oder Motivationsschreiben verfasst, Präsentationen erstellt oder die eigene Meinung richtig ausdrückt. Das führt dazu, dass die Studierenden zwar über eine Menge theoretischer Kenntnisse verfügen, aber keine Erfahrung darin haben, wie man einen Lebenslauf erstellt oder sich für ein Stipendienprogramm bewirbt. Außerdem fehlt es immer noch an Wahlfächern und Spezialisierungsbereichen, in denen Dozentinnen und Dozenten ihre eigenen Forschungen vorstellen können, die über die Grundlagenvermittlung hinausgehen. In den vergangenen Pandemiejahren lief außerdem vieles online. Für mich selbst war das kein Problem, aber in vielen Hörsälen ist die technische Ausstattung schlecht. In den Praxisveranstaltungen hatten wir letztlich aber mehr Werkzeuge und Möglichkeiten, die wir für die Lehre kreativ nutzen konnten.

Welche Bedeutung haben internationale Arbeitserfahrungen für dich im Rahmen deiner Lehre?

Meiner Meinung nach sind internationale Arbeitserfahrungen unfassbar wichtig für WissenschaftlerInnen, LehrerInnen und Studierende. Besonders um beru iche Kontakte zu KollegInnen und SpezialistInnen aus dem eigenen Themenfeld zu knüpfen, in Archiven und Bibliotheken zu arbeiten, neue Orte kennenzulernen und Sprachkenntnisse auszubauen. In Polen war ich das erste Mal in meinem vierten Studienjahr. Das war ein Kurzzeitstipendienprogramm und für mich die erste akademische Auslandserfahrung. Ich war damals ein bisschen neidisch auf meine Kolleginnen und Kollegen, die schon mit der Archivarbeit und den Bibliotheken vertraut waren und wussten, wie man die ganze Infrastruktur nutzt. Ich habe mir das alles erst hier aneignen können. Damals habe ich außerdem viele Menschen kennengelernt, die später zu KollegInnen wurden und mir mit der Promotion, Konferenzen oder anderen Stipendien geholfen haben. Auch inhaltlich habe ich dort den Grundstein meiner Forschung gelegt, weil ich mich mit dem Zollwesen des Großfürstentums Litauen im ausgehenden 15. bis mittleren 16. Jahrhundert beschäftige. Für mich war dieses Auslandsstipendium der erste Schritt meiner Wissenschaftskarriere.

Wie geht es nach dem Stipendienprogramm für dich weiter?

Während des Förderprogramms am DHI Warschau hab ich die Möglichkeit, mich in neue Methoden der Wirtschaftsgeschichte einzuarbeiten und mich vertieft einzelnen Unterthemen zu widmen. In meiner Forschung beschäftige ich mich mit der Klassi zierung und Analyse von Quellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, die Informationen über Zollgebühren bis zur Union von Lublin enthalten. Ausgehend von einer Dokumentenanalyse, vor allem von litauischen Matrikeln, habe ich die Herausbildung des Zollsystems auf ukrainischem Boden herausgearbeitet. Als nächstes steht die Verö entlichung meiner Dissertation „Das Zollsystem des Großfürstentums Litauen: Quellen und Forschungsmethoden“ an.

Interview: Martha Wildenauer

Das vollständige Interview lesen Sie auch auf S. 36-37 unseres aktuellen Newsletters.

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