Das Problem des kontinentalen Imperialismus. Deutschland und Russland im Vergleich

Deutschland und Russland versuchten beide, Imperium und Nationalstaat im Rahmen eines Territoriums aufzubauen. Mit dieser These begann John Connelly seinen Vortrag am 3. April in Prag. Die Imperiums- und Nationalstaatsbildung seien gleichzeitig verlaufen und der ethnische Nationalismus oft mit dem imperialen Projekt verschmolzen. Wie der Vortragende erklärte, habe dies eine innere politische Spannung hervorgerufen, da die meisten Imperien der Vergangenheit den Pluralismus respektierten und lokalen Eliten die Beteiligung an der imperialen Macht ermöglichten. Die eroberten Völker seien wie „Eingeborene“ behandelt und ihre unterschiedlichen Identitäten unter einer imperialen Nation subsumiert worden.

In Anlehnung an Hannah Arendt bezeichnete Connelly Deutschland und Russland als kontinentale Imperien. Ihr Staatsterritorium habe sich im Laufe der Geschichte enorm ausgedehnt. Für Europa sei dies ungewöhnlich gewesen. Dort habe die dominierende Nation sonst nicht den Anspruch erhoben, andere Völker zu beherrschen, trotz der ethnischen Minderheiten in Frankreich, Spanien und Dänemark. Das britische Imperium sei dann schrittweise zu einer Parlamentsdemokratie umgeformt worden. Ein gutes Beispiel für einen solchen Rechtsstaat nannte Connelly die Habsburgermonarchie.

Das Zarenreich habe Herrschaft über mehrere Länder, Völker und Religionen ausgeübt. Der Kern Russlands, ähnlich wie in Großbritannien, sei nicht allein die „einheimische“, sondern die diverse Bevölkerung gewesen, zu der auch Menschen aus Belarus, der Ukraine und Polen zählten. Ähnlich wie in Schottland, hätten viele von ihnen im imperialen Dienst gestanden und sich durch die Teilnahme an endlosen Kriegen assimiliert. Den Herausforderungen des Nationalismus sei Russland dennoch nicht entkommen. Die Antwort: erzwungene Russifizierung. Im deutschen Kaiserreich sei dem polnischen Teil der Bevölkerung während des Kulturkampfes die Schulbildung in ihrer eigenen Sprache verweigert und deren Eigentum beschlaggenahmt worden – mit dem Ziel, die polnische Identität verschwinden zu lassen und durch die deutsche zu ersetzen.

In beiden Imperien habe die politische Führung die forstschreitende Macht der Gesellschaft gefürchtet und verzweifelt an ihrem Herrschaftsmonopol festgehalten, erklärte Connelly. Der erste Weltkrieg habe daran wenig geändert. Trotz der parlamentarischen Demokratie in der Weimarer Republik sei die imperiale Tradition erhalten geblieben, einschließlich der Bezeichnung „Deutsches Reich“. Die deutsche Geopolitik in der Zwischenkriegszeit habe weiterhin die Gebiete des alten Reiches umfasst, obwohl dort viele Menschen lebten, die sich selbst nicht als Deutsche sahen. Wie der Historiker erklärte, habe der russische Imperialismus nicht mit der Entstehung der Sowjetunion 1917 geendet. Nur theoretisch sei Sowjetrussland ein multiethnischer Staat gewesen, der Minderheiten tolerierte. In Wahrheit jedoch habe die russische Sprache in der sowjetischen Kultur überwogen und im Imperium sei weiterhin der Nationalismus präsent gewesen.

Wie Connelly behauptete, habe die toxische Mischung von Imperium und Nationalstaat mehr extreme völkermörderische Tendenzen hervorgebracht als der spanische, portugiesische oder britische Siedlerkolonialismus. Diese Kombination habe viele Völker und Kulturen verdrängt und zerstört, sich von Hitlers Vernichtungskrieg im Osten aber in einem Aspekt unterschieden: Sie wurde von Demokraten kritisiert.  

Zwischen den Vernichtungskriegen des dritten Reiches und des heutigen Russlands gebe es laut Connelly einige Parallelen, aber auch einen grundsätzlichen Unterschied: Russische Bürgerinnen und Bürgern hätten – im Gegensatz zu Deutschen, Briten oder Franzosen – nie gelernt, dass die imperiale Tradition nicht Gutes ist. Russland habe bisher kein Selbstbestimmungsrecht anderer Völker anerkannt. Stattdessen sei dort ein Imperialismus mit nationaler Mission etabliert worden. Russland werde als historisch einzigartig und besonders angesehen – unabhängig davon, ob im Zarenreich, der Sowjetunion oder in der Gegenwart. Die imperiale Tradition werde als normal und natürlich betrachtet. Sogar einige kritische Akademiker, die jahrzehntelang außerhalb der russischen Staatsgrenzen lebten, zweifelten die Existenz der Ukraine an.

Solange Russland die schädliche Wirkung ihrer imperialen Tradition auf die europäische und globale Politik nicht erkenne, betonte Connelly abschließend, könne es keine russische Demokratie geben. Genauso wie in Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg.Der Vortrag wurde von der Prager Außenstelle des DHI Warschau gemeinsam mit dem Collegium Carolinum, dem GWZO Prag und dem Amerikanischen Zentrum der Botschaft der Vereinigten Staaten organisiert.

26
Jun
Kolloquium
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