Ein Räuber im Frauenkleid, Karl May im Böhmerwald und der Hanka-Code

Alfrun Kliems und Václav Petrbok

Der populäre Karpatenräuber Juraj Jánošík wurde nach seinem Tod im 18. Jahrhundert zu einem wirkmächtigen Topos in Kunst und Literatur. Er erschien in Form von Hinterglasmalerei und folkloristischen Wandteppichen, mündlich überlieferten Legenden und Bänkelgesängen sowie in Dramen, Romanen und Verfilmungen. In ihrem Vortrag am 11. Mai stellte Alfrun Kliems Jánošík vor allem als Identifikationsfigur der Romantik vor. Die Literaturwissenschaftlerin präsentierte damit ihr aktuelles Projekt zum spielerischen Umgang mit kanonischen Literaturwerken in Graphic Novels. Anhand von drei Comics analysierte sie insbesondere die unterhaltsame Aneignung mit dem (post-)modern inspirierten Mystifikationen.

Seine Sichtbarkeit verdanke Juraj Jánošík der Balladomanie der slowakischen Dichter Ján Botto und Janko Kráľ, die den Räuber zu einem Nationalhelden stilisierten, erklärte Kliems. Die Figurenzeichnung im Comic aus dem Jahre 2006 folge sichtbar einer Trash-Camp-Ästhetik: Jánošík erscheine hier als breit grinsender Muskelprotz mit Herz-Tattoo, Dreitagebart und Punk-Armbändern. Im Cross-Dress-Stil evoziere er zudem homoerotische Assoziationen. Die jungen Frauen um ihn herum hätten aufgespritzte rote Lippen, schmale Wespentaillen und überbetonte Dekolletés. Laut der Vortragenden reflektiert der Jánošík-Comic, dass auch die Literatur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts den Blick des zivilisatorisch Überlegenen pflegte. Eine vermeintlich von der Zivilisation unberührte Ganzheitlichkeit sei jedoch ein Klischee.

Den zweiten Teil ihres Vortrags widmete Kliems dem Comic Šifra Mistra Hanky („Der Meister Hanka-Code“, 2007), der auf Dan Browns „Da Vinci Code“ anspielt. Der Comic beziehe sich auf eine anhaltende Kontroverse in der tschechischen Kultur über die Authentizität von zwei Pergamenten, die 1816 und 1817 entdeckt wurden und angeblich aus dem Mittelalter stammten. Um die Echtheit der Texte habe sich ein jahrhundertelanger Streit entwickelt. Im Comic folge man der Geschichte wie einem Mystery Thriller: Ein Prager Student kommt einem über Jahrzehnte gehüteten Geheimnis über echte, von der Habsburger Geheimpolizei konfiszierte Handschriften auf die Spur. Die Lösung des Rätsels findet sich unterm Dach des heutigen Goethe-Instituts an der Moldau.

Die Geschichte von der konfiszierten Handschrift und deren kursierender Fälschung nehme der Comic zum Anlass, deutsch-tschechische Konflikte graphisch zu zementieren, so Kliems.  Der Comic codiere die Wechselbeziehung zwischen Deutschen und Tschechen um und behandele die Prinzipien des Übersetzens sowie die Gegensätze authentisch/gefälscht, wahr/falsch, Treu/Untreue – spielerisch aufbereitet mit Makkaronismen und Sprachenvielfalt.
Im Zentrum des dritten Vortragsteils stand der Comic Ve stínu Šumavských hvozdů („Im Schatten des Böhmerwaldes“, 2008), der den klassischen tschechischen Roman Božena Němcovás Babička („Die Großmutter“) behandelt. Laut Alfrun Kliems zeigt der Roman die Geschichte aus dem Leben einer Großmutter, ihrer Familie und einer erweiterten, überwiegend weiblichen Erzählgemeinschaft. Damit sei es der Schriftstellerin Němcová gelungen, die tschechische nationale Wiedergeburt dörflich und weiblich zu markieren. Kliems jedoch interpretierte den clash of cultures als Distinktion von Trivial- und Hochkultur. Die Protagonisten des Comics sind Božena Němcová, die unter ihrem Taufnamen Barbora auftritt und Karl May in Gestalt von Old Shatterhand.

Der Comic repräsentiert die tschechische Wiedergeburtsliteratur als hochkulturelle normgebende Linie gegenüber dem „platten Unterhaltungstrash“ der deutschen Karl May-Geschichten. Die übersexualisierte Barbora trifft auf einen pubertär gezeichneten und sexuell unerfahrenen Karl May. Die Kommunikation zwischen beiden scheitert: Karl fühlt sich von Barboras Entkleidungs- und Rebellionsgeschichte abgestoßen. Die „Karl-Mayisierung“ Němcovás sei eine Parodie der kanonischen Lektüre des Romanklassikers. Für Kliems schien jedoch ein subkutaner Aspekt wesentlicher: Im tschechischen Roman Babička fehle die männliche Autorität, die im Comic durch einen deutschen Pophelden namens Old Shatterhand alias Karl May wiederhergestellt werde. Dieser erotisch aufgeladene Zusammenstoß sei die Basis der gesamten Geschichte und resultiere in einem „Hybrid aus piktoraler und sequentieller Semiose“.

Der Vortag mit dem Titel „Romantikadaptationen im tschechischen und slowakischen Comic“ wurde gemeinsam mit dem Institut für tschechische Literatur der Akademie der Wissenschaften organisiert.

01
Sep
Tagung
Workshop: „The Circle of Life” – Birth, Dying, and the Liminality of Life since the Nineteenth Century
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