Populäre Kultur in Mittel- und Osteuropa

In Mittel- und Osteuropa gestalten sich Mainstream-Mediendarstellungen nach wie vor problematisch. Dies führen uns lebhafte Diskussionen immer wieder erneut vor Augen. Elemente der Mainstream-Populärkultur können zu Symbolen einer bestimmten Epoche werden, was beispielsweise die widersprüchliche Wahrnehmung popkultureller Idole bestätigt: Einerseits wird ihre Kunst mit dem Verkauf unter den unterschiedlichen politischen Regimen assoziiert und als Kitsch verurteilt, andererseits wird ihnen unkritische Bewunderung zuteil.

Zur englischsprachigen Konferenz „Mainstream! Popular Culture in Central and Eastern Europe“ kamen vom 28. bis 31. Oktober 2020 knapp 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zwölf europäischen Ländern virtuell zusammen. Über die Online-Plattform Zoom diskutierten sie den sog. „Mainstream“ in der Populärkultur aus verschiedenen nationalen und kulturellen Perspektiven. Veranstaltet wurde die Online-Konferenz vom DHI Warschau in Zusammenarbeit mit der Philosophischen Fakultät der Prager Karls-Universität, dem Nationalmuseum der Tschechischen Republik und dem Zentrum für das Studium der Populärkultur.

Der Schwerpunkt der internationalen Konferenz lag auf der Erfassung des „Zeitgeistes“ und der Untersuchung des Mainstreams als einer lebenswichtigen Wissensquelle zur Enthüllung kultureller Werte und Traditionen. Darüber hinaus wurde Mittel- und Osteuropa als ein spezifisches regionales Phänomen hiervon kritisch untersucht. Um sich dem Thema anzunähern, wurden Fragen zur Manifestation spezifischer kultureller Werte und Überzeugungen gestellt, die den mittel- und osteuropäischen Gesellschaften eigen sind. Darunter beispielsweise die Frage danach, ob Werte und Überzeugungen aus bestimmten langfristigen regionalen Vermächtnissen stammen, und wie lokale und regionale Mainstream-Medienproduktionen mit kulturellen Importen aus der weiteren, sich im Prozess der Globalisierung befindlichen Welt interagieren. 

Der Eröffnungsvortrag befasste sich mit der Stigmatisierung der Unterschichten und deren Habitus in tschechischen Reality-TV-Programmen. Bisherige Forschungen zeigten, dass das alltägliche Reality-Fernsehen eine Ausübung in neoliberaler Governmentalität und entsprechender Selbsttechniken ist, die die Idee des unternehmerischen Selbst als Kapitalanlageprojekt und Marke vorantreibt. Der neoliberale Kapitalismus wurde im postsozialistischen Teil Europas mit höherer Dynamik und stärkerer Hegemonialmacht umgesetzt als im Westen. Die Konferenzsitzung am Nachmittag wurde mit Präsentationen eröffnet, die sich mit der Transformation der Fernsehserien-Kultur in der Türkei und der Ästhetik der digitalen Medien im Prozess der Globalisierung befassten. Der Online-Streamingdienst Netflix wurde als einer der wichtigsten Fernsehsender der Welt benannt. Im kulturellen Mainstream Mittel- und Osteuropas sei die Ästhetik der digitalen Medien tief mit der Ästhetik der sozialen Kunst und dem Verständnis von „schön“ und „erhaben“ verbunden, was durch zeitgenössische digitale Kunst/Inhalte sichtbar werde.  

Der zweite Konferenztag begann mit einem Vortrag über die Veruntreuungen im Nachkriegskino der Tschechoslowakei. Dann wurde auf die Darstellung von Frauen in der jugoslawischen Männerzeitschrift „Start“ ebenso eingegangen wie auf Erinnerungen an die westliche Populärkultur während des kommunistischen Regimes in Rumänien. Auf Grundlage qualitativer ethnographischer Forschung wurde die Sehnsucht nach dem Westen und die Jugendmode im Warschau der 1980er Jahre untersucht, als junge Menschen von westlicher Kleidung (insbesondere Jeans) träumten.

Die folgenden Panels widmeten sich der musikalischen Seite der Populärkultur in Polen, Ungarn, Jugoslawien, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei. Neben dem Ziel der kulturellen Hegemonie sei es das Bestreben der kommunistischen Regierung gewesen, der einzige Förderer, Herausgeber und Vermittler für anerkannte Musiker zu sein. Die Kriterien erfolgreicher Musiker hinsichtlich des Umfangs und Charakters ihres künstlerischen Schaffens ließen sich bei berühmten Rockbands finden. Bei Popkomponisten seien die entsprechenden Daten jedoch nicht ausreichend. Die Disco-Musik der Zeit unterscheide sich stark von anderen Genres der populären Musik und sei von Behörden und Gesellschaft gleichermaßen offen akzeptiert worden. Musikstars aus dem Westen hätten gelegentlich hinter dem Eisernen Vorhang gespielt und die Produzenten sich auf dem Musikmarkt wie Raubtiere verhalten. Die deutsche Euro-Disco-Sensation Boney M sei in ihrer Blütezeit beispielsweise bei großen Pop-Festivals und Konzerten im gesamten „Ostblock“ aufgetreten.

In weiteren Präsentationen wurde diskutiert, wie subkulturelle Musikbands während der postkommunistischen Transformation in den Musik-Mainstream integriert wurden. Ihr langer Marsch von den unbekannten Musikgruppen in den Mainstream habe in den späten 1970er Jahren begonnen, als erste Konzerte verboten wurden. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus seien dann verschiedene Medien und Ansätze genutzt worden, um die Grenzen des konventionellen Musikverständnisses zu überschreiten und die Beziehungen zwischen Kunst, Politik und Popkultur zu untersuchen. Populäre Musik, insbesondere solche mit volkstümlichem Charakter, sei oft zum entscheidende Faktor bei der Konstruktion nationaler Identitäten geworden und habe oft zur Verbreitung populistischer Ideologien beigetragen. Beispielsweise sei der Disco-Polo von populistischen Politikern als ein Genre der Popkultur instrumentalisiert worden, das durch sie vertretene "reine Menschen" konsumierten.

Zum Abschluss der Konferenz wurden verschiedene Beobachtungen über Kulturkriege und die Geopolitik der Popkultur auf Grundlage persönlicher Erfahrungen präsentiert. In den frühen 1990er Jahren hätten die meisten ostmitteleuropäischen Gesellschaften den sowjetischen Kulturkolonialismus durch die Abhängigkeit von der westlichen Popkultur abgelöst. Der Kalte Krieg, der zuvor vor allem als politischer Konflikt zwischen Demokratie und Diktatur gegolten habe, sei auch als Kulturkrieg zu sehen. Am postkommunistischen Kino werde deutlich, dass die kommunistische Mangelwirtschaft den Wunsch von Bürgerinnen und Bürger nach freiem, westlichem Konsum verstärkt habe. Die Unfähigkeit der kommunistischen Regierung, die Mängel zu minimieren, habe die Diktatur untergraben und de-legitimiert und so letztlich zum Sieg der westlichen liberalen Demokratie beigetragen. Heute, drei Jahrzehnte später, lasse sich feststellen, dass dem Konsum im Kommunismus ein deutlich höherer Stellenwert eingeräumt wurde als anderen Freiheiten wie u. A. Menschenrechten. 

Postkommunistische Machthaber hätten der Popkultur sehr schnell einen riesigen Raum eingeräumt, welcher durch den Hinweis auf ihren „demokratischen“ Massencharakter legitimiert wurde. Importierte Elemente der Popkultur wie Boulevardzeitungen, private Fernsehsender, Fast Fashion, Altersdiskriminierung, verschiedene Freiheiten und Rechte etc. hätten – obwohl lokal entwickelt – in gewisser Weise zu einer Bewegung in Richtung Nationalismus und populistischer Regierungen beigetragen. In Osteuropa sei eine übermäßige Begeisterung für westliche Populärkultur zu beobachten, das Bewusstsein dafür, was in der boomenden russischen, indischen oder asiatischen Popkultur vor sich geht, sei jedoch vergleichsweise gering.

Neben der breiten Themenpalette dieser Konferenz zeigten unterschiedliche Herangehensweisen, Ansätze und Ergebnisse, dass die Erforschung von Mainstream und Populärer Kultur im späten Kommunismus und Postkommunismus noch ganz am Anfang steht. Die Vielzahl an Fragen während der angeregten Diskussionen lässt auch zukünftig auf einen erkenntnisreichen Austausch und zahlreiche weitere Forschungen dieser Art hoffen. 

25
Jan
Vortrag
Prof. Dr. Susanne Schattenberg: Leonid Brezhnev as Statesman and Performer
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