Prekäres Leben, prekärer Dienst. Die Polizei im neunzehnten Jahrhundert

Die Polizeiforschung wurde lange Zeit als wesentlicher Modernisierungsindikator angesehen. Folgt man der Argumentation von Timo Luks, dem Verfasser der Buches „Schiffbrüchige des Lebens. Polizeidiener und ihr Publikum im neunzehnten Jahrhundert“ und Vortragenden am 24. Mai in der DHIW-Außenstelle Prag, beschränkt sich diese vor allem auf die Erforschung der Gefahrenabwehr. Im Gegensatz dazu verlief die Trennung von Sicherheits- und Wohlfahrtsfunktionen jedoch wesentlich langsamer und weniger geradlinig als in der Forschung nahegelegt wird. Da ein Großteil der Forschungsarbeiten primär Fragen der Institutionalisierung fokussiere, gerate das Polizeipersonal – definiert als diejenigen, die die Staatsgewalt vor Ort verkörpern und ausüben – jedoch kaum in den Blick. Die von Luks vorgestellte Perspektive hebt hingegen auf die Bedeutung des alltäglichen Dienstalltags für die Polizeigeschichte ab.

Im Verlauf seines Vortrags beschäftigte sich der Referent unter anderem mit der Frage, für welche sozialen Gruppen der Polizeidienst eine Option darstellte. Seiner Meinung nach lassen sich diesbezüglich drei Gruppen identifizieren: erstens diejenigen, die sich direkt aus dem Militär heraus bewarben; zweitens Männer, die in unterschiedlichen Dienstverhältnissen standen; drittens Vertreter eines bestimmten Handwerkertypus. Soldaten machten in der Regel ein Drittel aller Bewerber aus. Gerade langgediente Unteroffiziere, die nach ihrem Ausscheiden aus dem Militär einen Anspruch auf Zivilversorgung geltend machen konnten, drängten massenhaft in den Bereich der „Subalternbeamten“, zu dem auch der Polizeidienst gehörte.

Luks betonte, dass der Polizeidienst im 19. Jahrhundert eng mit dem prekären Leben und der schwierigen Arbeitsmarktsituation verknüpft gewesen sei. Unter den Bedingungen des neunzehnten Jahrhunderts habe das Eintreten in den Polizeidienst eine Distanzierung der Polizeidiener von ihren Herkunftsmilieus vorausgesetzt und somit als Möglichkeit gegolten, einen drohenden Abstieg in die Unterschicht zu vermeiden. Techniken sozialer Distanzierung zeigten sich zudem im Bereich von Entlohnungsfragen sowie Kreditbeziehungen und Schuldverhältnissen. Andere Bereiche seien etwa Uniformierungsfragen, die Herausbildung einer polizeidienstlichen Körper- und Männlichkeit, die konflikthafte Präsenz von Polizeidienern an typischen Orten des öffentlichen ‚Verkehrs‘, etwa im Wirtshaus oder auf der Straße gewesen.

Timo Luks schloss seinen Vortrag damit, dass eine Analyse der Polizeigeschichte eine Möglichkeit eröffnet, das neunzehnte Jahrhundert neu zu vermessen. Lange Zeit habe die Sozialgeschichte mit dem Begriffsapparat operiert, der aus der Formierungsphase der industriellen und „organisierten“ Hochmoderne stammte. Durch diese Begriffe projizierte die Sozialgeschichte spezifische Problemlagen zurück. Geht es nach Luks, sollte die  Beschäftigung mit dem neunzehnten Jahrhundert ihren Bezugspunkt nicht im bürokratischen Anstaltsstaat und der „organisierten“ Klassengesellschaft der Zeit um 1900 finden, sondern im frühen neunzehnten Jahrhundert. Darüber hinaus sollte sie sich eine gewisse Sensibilität für die Prekarität von Staatlichkeit und gesellschaftlicher Ordnung bewahren.

Der Vortrag von Timo Luks wurde gemeinsam von der DHIW-Außenstelle Prag, dem Collegium Carolinum München und der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität Prag organisiert.

12
Sep
Tagung
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