Zeitzeugen in Leipzig - große Emotionen rund um den Krieg

Nach Warschau und Krakau erreichte die vom DHI Warschau produzierte Fotoausstellung „Bericht aus der belagerten Stadt Tschernihiw“ nun Leipzig. In der dortigen Außenstelle des Polnischen Instituts Berlin erinnern 30 Fotografien von Valentyn Bobyr und Vladislav Savenok einmal mehr an das Drama, das sich seit fast zwei Jahren in Osteuropa abspielt. Die beiden ukrainischen Fotografen haben die ersten Tage der russischen Aggression gegen die ukrainische Stadt Tschernihiw dokumentiert.

Zur Ausstellungseröffnung konnten sich die Besucherinnen und Besucher nicht nur ein Bild von den zerstörten Denkmälern einer der ältesten Städte der Ukraine machen, sondern auch einer emotionalen Diskussion lauschen, die von Prof. Ruth Leiserowitz (DHI Warschau) und Prof. Maren Röger (GWZO Leipzig) moderiert wurde. An der Debatte "Zwei Jahre russische Aggression gegen die Ukraine" nahmen der ehemalige polnische Botschafter in der Ukraine, Bartosz Cichocki, die DHIW-Stipendiatin Olga Barvinok sowie die GWZO-Fellows Natalia Khamaiko und Svitlana Telukha teil.

Cichocki gehörte zu den wenigen westlichen Diplomaten, die Kiew nach Kriegsbeginn nicht verlassen haben. Seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hatte er jedoch bereits eine Woche zuvor ermöglicht, die ukrainische Hauptstadt zu verlassen und ihre Aufgaben von Warschau aus zu erledigen. Denn in Zeiten der Gefahr sei Sicherheit das Wichtigste. Der Krieg habe sein Leben und seine Einstellung zu menschlichen Beziehungen deutlich verändert und ihm vor Augen geführt, wie schnell das gewohnte enden kann. Diese Erkenntnis nutzte er dafür, zum Ende seiner Rede dazu aufzurufen, das Leben und die Menschen um sich herum bewusster wertzuschätzen.

Anschließend berichtete die DHIW-Stipendiatin Olga Barvinok über ihre Erfahrungen von den ersten Kriegsstunden bis zu ihrer Ankunft in Warschau, wohin sie gemeinsam mit ihrem Sohn flüchtete. Am 24. Februar 2022 hielt sie eine Online-Vorlesung. Mit ihrem einzigen zugeschalteten Studenten diskutierte sie um acht Uhr morgens den russischen Militärangriff. An dieser Stelle sei angemerkt, dass Russlands Aggression gegen die Ukraine während der Covid 19-Pandemie und der sanitären Einschränkungen in Europa begann.

Auch Vladislav Savenok, einer der Fotografen, der bei der Eröffnung anwesend war, sprach über seine Erfahrungen mit Angst. Der andere Fotograf Valentyn Bobyr kann die Ukraine nicht verlassen, da er im wehrpflichtigen Alter ist. Zur Präsentation gehörte auch ein von Vladislav Savenok auf der Grundlage seiner Fotos erstellter Dokumentar-Kurzfilm, der einen weiteren russischen Angriff auf Tschernihiw zeigt. Denn am Samstag, dem 19. August 2023, gegen 11.30 Uhr Ortszeit, wurde die Stadt erneut attackiert. Bei dem Angriff wurden über 100 Menschen verletzt und sieben getötet, darunter ein sechsjähriges Mädchen. Eine Rakete zerstörte das Theater und beschädigte umliegende Gebäude.

Auch die Reden von Natalia Khamaiko und Svitlana Telukha waren äußerst emotional, zumal letztere auf den ausgestellten Fotos ihr zerstörtes Elternhaus entdeckte. Die Eröffnung wurde von ukrainischen Volksliedern begleitet, die von Hanna Mykhalievych vorgetragen wurden – einer Dozentin an der Musikakademie Dnipro, die seit Kriegsausbruch in Dessau (Sachsen) lebt und verschiedene internationale Wettbewerbe gewonnen hat. Die Künstlerin spielte Bandura, ein ukrainisches Volksinstrument aus der Gruppe der Chorodophone.

Die Ausstellung „Bericht aus der belagerten Stadt Tschernichiw“ ist noch bis Ende März im Polnischen Institut in Leipzig zu sehen.

 

01
Feb
Ausstellung Podiumsdiskussion
Ausstellung: Bericht aus der belagerten Stadt Tschernihiw
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