Armenische Netzwerke und Fernhandel zwischen Polen-Litauen und Nahen Osten in der Frühen Neuzeit

Um frühneuzeitliche Netzwerke armenischer Händler in Osteuropa ging es am 15. März in Prag. Der Leipziger Historiker Alexander Osipian stellte darin sein aktuelles Forschungsprojekt vor. Ausgehend vom bekannten Buch Civilisation Matérielle, Économie et Capitalisme, XVe-XVIIIe aus, in dem Fernand Braudel beschrieb, wie diese Netzwerke von Amsterdam, Marseille und Venedig im Westen über Schwarzes Meer bis nach Madras, Kalkutta und Manila im Osten expandierten, fragte Osipian danach, wie die Fernverbindungen aufgebaut und miteinander in Beziehung gesetzt wurden.

Westliche Historikerinnen und Historiker würden ihr Hauptaugenmerk auf jene Netzwerke armenischer Kaufleute richten, die zwischen dem Nahen Osten und Westeuropa handelten, während der Fernhandel zwischen Osteuropa und dem Nahen Osten als peripher und unbedeutend unterschätzt werde. Seit Erschienen des bekannten Buchs von Marian Małowist über die genuesische Handelskolonie in Feodossia von 1947 seien Studien über vormoderne armenische Diasporen in Osteuropa in nationale Geschichtsschreibungen aufgeteilt und von konkurrierenden Narrativen der verlorenen Gebiete geprägt. Es lägen fast keine Untersuchungen vor, die die Interaktivität fokussieren. Obwohl die frühneuzeitlichen Netzwerke der armenischen Kaufleute im Osten miteinander verbunden gewesen seien, würden sie innerhalb der heute existierenden Nationalstaaten getrennt erforscht.

Alexander Osipian wies auf den breiteten historischen Kontext hin. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen im Jahr 1453 und der nördlichen Schwarzmeerküste in den Jahren 1475 und 1484 seien viele lokale Kaufleute, darunter einige Armenier, nach Konstantinopel umgesiedelt worden. 1461 wurde das armenische Bistum in Istanbul gegründet und im frühen 16. Jahrhundert in ein armenisches Patriarchat umgewandelt. Das armenische Handelsnetzwerk im Osmanischen Reich umfasste Handelszentren wie Istanbul, Edirne, Aleppo oder Izmir. 1604 habe der persische Schah Abbas I. in Ostarmenien eine Politik der „verbrannten Erde“ gegen einfallende osmanische Streitkräfte eingeführt, was die Zwangsumsiedlung von bis zu 60.000 armenischen Familien nach Persien beinhaltet habe. Shah habe sie ermutigt, ihren Seidenhandel fortzusetzen, sodass sich das Handelsnetz in kürzester Zeit bis nach Südasien ausbreitete. Im 17. und 18. Jahrhundert hätten die Julfa-Kaufleute die Jahrmärkte in Lemberg und Lublin besucht und Geschäfte in Danzig/Gdańsk und im schwedischen Narva gemacht.

Weiterhin konzentrierte sich der Vortragende auf formelle und informelle Bedingungen des Karawanenhandels, der von der polnisch-litauischen Adelsrepublik über Russland weiter ins Ostmanische Reich und nach Persien führte. Der Schlüssel zu ihrem sagenhaften Erfolg sei nicht nur die Logistik gewesen, sondern auch Schutzbriefe und Privilegien, die armenische Kaufleute von ihren Schirmherren erhielten. In großen, gut bewaffneten Gruppen oder Konvois – Karawanen – seien sie regelmäßig bis nach Edirne, Istanbul oder sogar Isfahan gereist. Diese Praxis habe dazu beigetragen, Beziehungen zwischen armenischen Kaufleuten und polnischen Aristokraten aufzubauen, welche die Botschaften leiteten. Da Polen keinen ständigen Vertreter am osmanischen Hof gehabt habe und regelmäßig armenische Karawanen von Polen nach Istanbul gezogen seien, habe ein Karawanbashi auch die Funktion eines königlichen Kuriers erfüllt, erklärte Osipian. Einige armenische Karawanbashis seien zu königlichen Gesandten oder sogenannten „kleinen Botschaftern“ ernannt worden.

In der Frühen Neuzeit sei „Armenier“ keine ethnische Kategorie gewesen. Vielmehr, so der Vortragende, sei es um die Zugehörigkeit zu einer Diaspora- und Religionsgemeinde gegangen. Ihre Mitglieder hätten Vertrauensbeziehungen auf Höfen örtlicher Herrscher gebildet gebildet, ihnen Kredite gegeben oder als Übersetzer und Vermittler zwischen Muslimen und Christen fungiert.

Zum Abschluss stellte Alexander Osipian einige konzeptionelle Überlegungen in den Raum. Seinen Recherchen zufolge habe die Wirtschaftsgeschichte die Informations-, Unsicherheits- und Risikoproblematik des Fernhandels lange Zeit eher als logistische und symptomatische vormoderne Verhältnisse angesehen. Ihre Lösung sei in der Entwicklung von Buchhaltung, Geld, Handelsverbänden, Risikoübernahmen und Verträgen betrachtet worden. Gleichzeitig weise die Wirtschaftsanthropologie darauf hin, wie wichtig es war, das Verhalten von Kaufleuten in den Blick zu nehmen. Die Menschen in dieser Zeit hätten verschiedene moralische und rituelle Mechanismen ausgenutzt und eine Lücke in der Wirtschaft ihrer Gastgesellschaft gefüllt.

Der Vortrag wurde von der Prager Außenstelle des DHI Warschau gemeinsam mit dem Collegium Carolinum, dem GWZO Prag und dem Institut für Osteuropäische Studien der Philosophischen Fakultät der Karls-Universität organisiert.

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